Wo sich Bettler und Geber berühren

Auf den Strassen. Frauen sitzen am Strassenrand und betteln; manche verkaufen Taschentücher. Männer humpeln durch die Kaffees und betteln; manche verkaufen Taschentücher. Kinder streichen durch die Strassen und betteln; manche verkaufen Taschentücher. Tausende Menschen eilen an ihnen vorbei und kaufen Taschentücher. Manche geben auch einfach nur – selbst die, die selbst nichts haben.

Unterschied 1: Grosszügigkeit. Das letzte Pfund, die letzte Zigarette, ja selbst das lang ersehnte Essen zum Fastenbrechen wird grosszügig mit den Menschen geteilt. Die Vorstellung von Mein und Dein ist zumindest im öffentlichen Raum wenig präsent, der Gedanke, man sei doch selbst am Limit, fern, solange sich in der Hosentasche noch eine Münze finden lässt. Solange man hat, wird auch gegeben. Wo doch bei uns so viele denken, dass es doch jene gäbe, die wirklich genügend Geld hätten und solange behalte ich meines für mich und ohnehin habe ich doch selbst nur wenig.

In der Metro. Gerangelt voll, so dass sich kaum atmen lässt, doch findet sich selbst in diesem Gerangel meist jemand, der lauthals irgendwelches Zeugs anpreist, das er oder sie verkaufen will. Von kitschigen Ohrringen, über silbrige Abdeckfolien, Socken, lärmige Kinderspielzeuge, bis hin zu einzelnen Pflastern und natürlich Taschentüchern findet man alles. Und die Menschen kaufen es. Wahrscheinlich kaum, weil sie die Dinge wirklich brauchen (mit Ausnahme der Taschentücher, die sind in der Hitze als Schweisstüchlein wirklich nützlich), sondern einfach, um zu geben.

Unterschied 2: Bürokratie. Den Menschen hier ist es erlaubt, für ihr Überleben ihre ganze Kreativität zu nutzen. Verkauft und wiederverwertet wird, was einem zwischen die Finger kommt. Während bei uns Strassenmusik in ÖVs verboten ist, auf der Strasse eine Lizenz braucht und der Verkauf von Dingen selbst auf dem Flohmarkt eine Bewilligung benötigt. Andernfalls litten wir vielleicht schon lange nicht mehr an unaufhaltsam laufenden Nasen in den kalten Tagen.

Während Ramadan. Etwa so wie bei uns im Winter die Futtersäcke für die Vögel neben den Ladeneingängen bereit stehen, fand man hier während des ganzen Fastenmonats Säcke bereit zur Vergabe an die armen Leute, die voll mit diversen Nahrungsmitteln waren für das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang. Abends waren die Regale mit diesen Säcken jeweils leer.

Unterschied 3: Verantwortung. Die Menschen hier tragen eine Verantwortung füreinander, die der Staat nicht übernimmt. Krankenversicherungen sind rar, die Arbeitslosigkeit ist hoch, ein Sozialsystem so gut wie inexistent. Während wir, Steuerzahler in der Schweiz, diese Verantwortung an anonyme Strukturen übergeben können.

Wo sich Bettler und Spender berühren. Doch nicht nur, dass die Menschen hier in Kairo verantwortungsvoll und grosszügig geben, nein, sie heissen die Bettelnden auch willkommen. Ein kurzes Gespräch, ein ausgesprochener Segen und nicht selten auch eine herzhafte Berührung. Es sind Bilder, jenen in Zürich so fern. Werfen wir doch – wenn wir denn geben –die Münzen beschämten Blickes und in sicherer Entfernung in einen schwarzen Hut oder einen Pappbecher von McDonalds. Spätestens hier tut der Kontrast weh.

Unterschied 4: Solidarität. Es geht nicht bloss um Geld, sondern um das Miteinander als eine Gesellschaft. Niemand, der hier bettelt, wird der Selbstverschuldung angeklagt, des Misstrauens bezichtigt oder seiner Würde beraubt. Während wir in der Schweiz meist insgeheim davon überzeugt sind, dass jeder Bettelnde seine Situation selbst zu verantworten hat und das erhaltene Geld ohnehin unrechtmässig für Alkohol verwendet wird.

Wir Schweizerinnen und Schweizer können dankbar sein, dass wir in einem Staat leben, der für uns so viel Verantwortung übernimmt und die Ägypter und Ägypterinnen hier beneiden uns um dieses Glück und – ohne Witz – selbst auch um unsere bürokratischen Regeln (was ich weiss Gott nicht verstehe, aber ich werde hier tatsächlich immer ausgelacht, wenn ich erzähle, dass ich die Kreativität der Menschen hier liebe und damit die vielen kleinen, selbstgebastelten Überlebensstrategien mitten in diesem unüberschaubaren Chaos meine. Es folgt dann meist lachend: «Ach, Kreativität heisst für dich, dass die Ägypter sich nicht an die Regeln halten!» Ägypter hätten auch lieber Ordnung. Ich mag Kreativität). Doch lassen wir den Punkt der bürokratischen Regeln unentschieden, gehen die jene der Grosszügigkeit und der Solidarität deutlich an die Menschen hier. Ich beneide die Menschen für ihr Glück, in einer Gesellschaft zu leben, die sich nicht nur auf dem Papier als eine Gesellschaft versteht, sondern solidarisch und grosszügig füreinander einsteht. Demgegenüber finden sich in der Schweiz zu oft Situationen wie jene, die Nathalie Poehn in ihrem Artikel «Geben ist seliger als nehmen» beschrieben hat. Zu oft gehen wir gesenkten Blickes an Bettelnden vorbei und hegen dabei einen jener Gedanken:

«Frag die Menschen, die mehr haben als ich!»

«Wofür der wohl sein Geld brauchen wird? Besser nicht.»

«Ich habe doch selber kaum was.»

«Der stinkt nach Bier, dem gebe ich nichts.»

Ich glaube, solche und ähnliche Gedanken sind weniger rationale Rechtfertigungen, als mehr Ausreden aufgrund fehlender Solidarität und Grosszügigkeit, die tief in unserer Gesellschaft verankert sind – denn solche und ähnliche Gedanken sind weit verbreitet. Wenn das Misstrauen gegenüber Bettelnden und das eigene Zu-wenig-Haben zum stetigen Vorwand werden, dem eigenen Geiz Raum zu lassen, dann haben wir ein moralisches Problem. Und das Problem verschwindet leider nicht, wenn nun zugestanden wird, dass ja schon nicht alle Bettelnden selber schuld sind und ja schon nicht alle Bettelnden die Gaben missbrauchen, dass es ja schon solche und solche gibt; denn solange wir nicht wissen, welches denn nun die solchen und welches die solchen sind, – schliesslich sehen sie ziemlich gleich aus – wissen wir auch nicht, wem wir nun gerne etwas geben wollen und wem nicht. So geben wir am Ende vielleicht niemandem nichts.

Von solchen und ähnlichen Gedanken sind die Köpfe hier in Kairo frei. Und das liegt nicht daran, weil hier der Generalverdacht auf Alkoholiker kaum vorgeschoben werden kann. Im Sinne des interkulturellen Dialogs des Weltethos sollten wir von diesen Begegnungen lernen. Wenn wir uns das nächste Mal bei einem jener scheinrationalen Gedanken ertappen, der uns entschuldigt, gerade jetzt an gerade jenem Bettelnden vorbeigehen zu können, könnten wir mit einer gesunden Selbstkritik uns dabei selbst überlisten und einen solidarischen Franken bereithalten. Denn auch in der Schweiz gibt es Menschen, die trotz Sozialstaat zum Leben kaum genug haben und auf Grosszügigkeit angewiesen sind. Unter Umständen ist es irgendwann gar passé, dass wir verloren auf der Strasse umherirren, verzweifelt auf der Suche nach Taschentüchern, die wir doch so bitter nötig hätten.

Ach und ja, was man bedauerlicherweise hier in Kairo nicht sieht, sind Strassenmusiker. Dafür ist die chaotische Stadt wohl schlicht zu laut.

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