Wir, die Tamagotchi Kinder: Verantwortung mit Reset-Knopf

Zur Zeit dieses Trends war ich gerade zehn. Bestimmt wünschte ich mir keinen Hund zu Weihnachten, aber bestimmt wünschte ich mir auch kein Tamagotchi. Trotzdem erinnere ich mich scheu und ungern, zeitweise auch so ein Ding täglich mit mir herum getragen zu haben. Tamagotchis sind ursprünglich aus Japan importierte Plastikeier, die das Leben eines echten Tieres simulieren. Sie wollten per Knopfdruck gefüttert und gestreichelt werden, mussten schlafen und, wenn man sich gut genug um sie kümmerte, wuchsen sie heran. Wie richtige Tiere eben, nur nicht ganz so echt. Denn sollte man es mit der Verantwortung mal nicht so genau genommen haben, verfügten die Eier über einen wiederbelebenden Reset-Knopf.

Wir brauchen eine Ethik der Verantwortung!

Verantwortung zu tragen scheint bis heute nicht in Mode gekommen zu sein. Zwar redet jeder von Selbstverantwortung, aber unserer Mitwelt, Umwelt und Nachwelt ist damit herzlich wenig gedient. Aber genau das wäre dringend nötig. Furcht vor Verantwortung können wir uns im 21. Jahrhundert nicht mehr leisten, denn die Kosten wiegen schwer: Die Macht der heutigen Technologien ist derart gewachsen, dass sie bald die Erde und die Menschheit in ihrer Existenz bedrohen, wenn wir die Verantwortung leugnen, die sie mit sich bringen. Und leider hat weder die Erde noch die Menschheit einen Reset-Knopf. Um dieses unendliche Gut zu wahren, brauchen wir eine Ethik der Verantwortung.

Was meint Verantwortung?

Pionier in der Begründung einer solchen Ethik ist der Philosoph Hans Jonas. Um herauszufinden, was Verantwortung meint, empfiehlt er, sich zu fragen, was denn verantwortungsloses Handeln ist. Ein Beispiel: Es gab diesen Fall des legendären Crocodile Hunters Steve Irwin, der an einer Show mit einer Hand ein Krokodil fütterte, während er in der anderen Hand sein Baby hielt. Passiert ist nichts. Trotzdem war das Entsetzen darüber derart gross, dass Medien rund um die Welt davon berichteten, denn sein Handeln war schlicht verantwortungslos. Dies zeigt: Bei der gefragten Verantwortung geht es nicht darum, was tatsächlich passiert, sondern darum, was passieren könnte. Im Fall von Steve Irwin hätte seine Tochter sterben können.

Genauso sollten auch Technologien und Erfindungen beurteilt werden. Kernkraftwerke dampfen vor sich hin und Forscher auf aller Welt experimentieren am Genom des Menschen herum. Dabei mag die Möglichkeit, dass der GAU eintrifft, gering sein, aber sie ist da. Und das ist der Punkt. Diese Möglichkeit in Kauf zu nehmen und damit die zukünftige Menschheit zu gefährden, ist in jedem Falle verantwortungslos und, laut Hans Jonas, abzulehnen. Auch kein noch so scheinbar grosser Gewinn einer Technologie rechtfertigt es, die Existenz der Menschheit aufs Spiel zu setzen. Das Dasein der Menschheit ist in jedem Falle (das heisst, egal wie pessimistisch man den Zustand der Menschheit einschätzt) der Nicht-Existenz vorzuziehen, denn etwas (was immer es dann auch sei) ist unendlich viel mehr als das Nichts. Und dies unabhängig davon, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass tatsächlich etwas passiert, denn nochmals: Es geht nicht darum, was tatsächlich passiert, sondern darum, was passieren könnte.

Wie wissen wir, welche Möglichkeiten zu vermeiden sind?

Dass etwas passieren könnte, so gering ist die Wahrscheinlichkeit dann wohl auch wieder nicht. Nehmen wir nur mal das Beispiel der Gentechnologie am Menschen: Klar, man kann den Menschen «verbessern», aber nach wessen Kriterien und welchen Vorbildern? Die Populärkultur ist voll von Horror-Vorstellungen über gleichaussehende und gleichgeschaltete Menschen, die einzig zum Erhalt der Machthaber ihr Dasein fristen. Hans Jonas denkt, dass  solche Dystopien, also Horrorvisionen der Zukunft, für uns von grossem Wert sind. Denn genau diese ermöglichen uns zu fühlen, welche Idee des Menschen wir fürchten, um so einzugrenzen, wie wir sein sollen. Diese Methode nennt er die Heuristik der Furcht. Sie bedeutet nicht, sich tagtäglich mit der Furcht zu quälen, sondern rational zu erkennen, wenn eine Situation eine reale Möglichkeit darstellt und fähig zu sein, ihr mit den angemessenen Emotionen zu begegnen, um dann auch angemessen zu reagieren. Laut Jonas ist das gar nicht so einfach.

Alles nur Angstmacherei?

Man mag sagen, dies sei doch nur Angstmacherei. Ich würde dagegen argumentieren, es ist verantwortungsvolles Denken, abgeleitet aus der Heuristik der Furcht. Die Verantwortung wächst und unsere Fähigkeit diese zu leugnen tut es ihr gleich. Eine Zivilisation, die menschheitsbedrohende Technologien hervorbringt, schenkt ihren Kindern zu Weihnachten Tamagotchis. Als wäre das Leben nur ein Spiel und Verantwortung nur zum Spass. Ich glaube, unsere Eltern haben uns damals masslos unterschätzt. Jedes Kind kann sich um das echte Leben kümmern, wenn es nur lernt, wie wertvoll und fragil zugleich das Leben ist. Alles was vorgelebt wird, kann auch gelernt werden. So fordert auch das Weltethos zu einer Ethik der Verantwortung auf:

«Die Parole für das dritte Jahrtausend sollte demnach konkret lauten: Verantwortung der Weltgesellschaft für ihre eigene Zukunft!»

Hans Küng, in: Projekt Weltethos

Hoffentlich haben nun alle, die an der nächsten Abstimmung für die Verlängerung des Gentech-Moratoriums oder die Abschaffung der Atomenergie oder Ähnliches mit dem Vorwurf der Angstmacherei beschimpft werden, nun den Mut und die Argumente, diesem Vorwurf zu widersprechen.

Zum Schluss noch ein Filmtipp: Soylent Green von Richard Fleischer von 1973. Der Film zeigt New York im Jahre 2022, das mit 40 Millionen Menschen masslos überbevölkert ist. Nur für Reiche gibt es noch natürliche Lebensmittel, der Rest ernährt sich vom ominösen Soylent Green. Die grauenvollen Lebensumstände lassen die Menschen in Scharen zur Sterbehilfeklinik rennen, wo sie der letzte, aber wohl auch wunderbarste Anblick ihres Lebens erwartet: Bilder von atemberaubender Schönheit schimmern über eine Leinwand, wehende Tulpen, fliegende Vögel, rauschendes Wasser. Es sind Bilder, die das Vorstellungsvermögen im Jahre 2022 sprengen, weil es die Welt so nicht mehr gibt. Eindringlich macht der Film dem Zuschauer bewusst, was wir an dieser einen, unserer einzigen Welt zu verlieren haben. Soylent Green ist ein tiefgehendes Erlebnis der eigenen Humanität und eine Illustration, warum wir eine Ethik der Verantwortung brauchen. Absolut sehenswert!

Haben Sie Anmerkungen oder Fragen zu diesem Beitrag?

Schreiben Sie uns.
FacebookTwitterKontaktformular

 

Weltethos Schweiz
Kulturpark
Pfingstweidstrasse 16
8005 Zürich

 

Als gemeinnützige Organisation danken wir für Unterstützungen – (steuerlich abzugsfähig)
Bankverbindung Weltethos Schweiz
UBS AG Zürich
IBAN CH51 0023 0230 5067 9501 L

Spenden Sie jetzt!