Was ist noch echt?

«Echte Schweizer Schokolade» steht auf der Tafel der süssen Leckerei, welche ich geschenkt bekommen habe. Die Freude auf Süsses schmilzt jedoch in Anbetracht der Deklaration der Inhaltsstoffe dieses genuin schweizerischen Produkts dahin: Mein Geschenk ist ein Produkt der modernen Industrie, Emulgatoren, andere chemische Stoffe und Konservierungsmittel machen einen grossen Teil der Schokolade aus. Ich lege sie beiseite und suche nach einem Sinn all dieser menschlichen Erzeugnisse und Phänomene wie diese:

Beziehungen und Freundschaften reduzieren sich auf den Austausch von allerlei unnützer Information per Email, Facebook oder Skype. Seien Sie ehrlich, was genau interessiert Sie daran, dass ihr Kollege gerade geduscht hat und nun Kaffee trinkt? Oder dass ihre Freundin gerade in dem tollen Schuhladen in der Altstadt neue Stiefel gekauft hat?

Auch Sex muss schnell, unverbindlich aber doch gut sein. Dass die meisten Frauen ihren Orgasmus noch immer vortäuschen und Männer oft nicht über ihre eigentlichen Wünsche sprechen können, führt uns vor Augen, wie wenig wir echt sind, selbst wenn wir lieben. Selbst wenn es um das Ende einer Beziehung geht, sind wir mehr Maschine als Mensch, löschen in diesen Fällen ganz einfach das Profil oder teilen per SMS mit, dass man sich nicht mehr sehen wird.

Wenn man sich heute in der Badeanstalt sonnt, blickt man auf einen Haufen Plastik in wohlgeformten Körpern, erkennt zahlreiche Sonnenstudiobesucher, welche sich im Chlorwasser abkühlen und Kinder, die genüsslich an den Emulgatoren und Konservierungsmitteln lutschen. Jene, die sich nicht den täglichen Nachrichten, die in weniger als 30 Minuten gelesen sind, widmen, starren auf ihre Mobiltelefone oder haben sich mit Stöpseln in den Ohren von der Aussenwelt abgemeldet. Auch wurde das Wissen mit Fragmenten von Informationen ersetzt, wir lesen viel, doch nie lang, wir wissen einiges, nichts aber wirklich. In der Zeitung liest man, dass ein bekannter Hollywoodstar von seiner Freundin betrogen wurde und dass sich immer mehr Jugendliche auf Grund von Schönheitsoperationen und den hohen Handykosten verschulden. Dies in Zeiten einer Finanzkrise, deren Ursprung das Verleihen und Leihen von Geld ist, welches nie echt über das Papier hinaus existiert hat. Plastikkarten haben das Geld ersetzt, Gespräche wurden durch WhatsApp ausgetauscht und unsere Kinder orientieren sich an künstlichen Idealen, welche wohl nur in den seltensten Fällen jemals mit ihrer Realität zusammenkommen werden. Sie träumen vom Schauspieler, Superstar oder Model sein – ein Bild sein, in einer Welt, die bereits von Bildern überflutet wird.

Doch hinter dem künstlichen Schein sieht die Realität nicht selten grausam aus. Wir scheinen bereits nach anderen Planeten Ausschau zu halten und akzeptiert zu haben, dass wir den unseren nicht mehr retten können. Wir akzeptieren, dass seit 1973 die Artenvielfalt auf der Erde halbiert wurde, laut Hochrechnungen 2045 der letzte Tropenbaum gefällt wird und noch immer die Hälfte aller unserer Mitmenschen hungert. Bedenklich sollte uns dabei erscheinen, dass die NASA über ein jährliches Budget von 15.5 Milliarden Dollar verfügt, wobei es, gemäss UNO, lediglich sieben Milliarden Dollar brauchen würde, um das Hungerproblem zu lösen. Die Kriege im Irak und in Afghanistan haben die USA insgesamt 742 Milliarden Dollar gekostet, für die Entwicklungshilfe wurden 2011 30. 7 Milliarden gesprochen. Die Suche nach dem neuen Superstar oder dem nächsten Topmodel scheint unserer Gesellschaft dringender.

  • Welche Werte bestimmen eine Gesellschaft, in der nur noch weniges wirklich echt ist?
  • Welche Grundlagen für eine Ethik sollen wir darin erkennen?
  • Wie definieren wir angesichts all dieser Künstlichkeit unsere gesellschaftliche Identität?

Wir wollen Frieden und führen doch nur Kriege. Wir wollen menschlich sein und tun doch nur Unmenschliches. Wir loben unseren logischen Verstand und handeln doch nur widersinnig. Welch Widersinnigkeit dies ist, werden wir mithilfe unserer Ratio sicherlich erkennen, doch danach handeln und sie eliminieren werden wir nicht. Dies ist weder logisch noch menschlich. Die Vergangenheit hat uns gezeigt, wie schwer es dem Menschen fällt, aus seinen Fehlern zu lernen und sicher auch, dass wir Künstler der Verdrängung sind. Doch auch dies weiterhin einfach hinzunehmen ist weder menschlich, noch logisch.

Bislang hält noch kein Emulgator echte Freundschaft zusammen, kein synthetisches Bakterium ersetzt das richtige Leben, und kein neues Paar Schuhe verleiht uns echte Identität – mögen die Verheissung auch noch so verlockend sein, sie werden nicht real. Ohne die künstliche Welt zu verleumden, wird doch Kritik notwendig, sobald wir über sie hinaus die Wirklichkeit vergessen und stattdessen in Widersprüchen verweilen, die für andere Menschen anderswo auf der Welt tödlich sind. Die Werte des Weltethos, die seit Jahrtausenden die Menschen fast überall auf der Welt leiten, werden mit Sicherheit alles Künstliche überdauern und heute wie auch in Zukunft Orientierung bieten. Wenn wir uns also fragen, was in dieser Welt denn eigentlich noch echt ist, ist dies eine denkbare Antwort.

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