Seekrank in der Schweiz

Ich mag Menschen, die Bücher lesen. Besonders wenn ich solche im Zug, im Kaffee oder im Park antreffe, schaue ich den Menschen gerne zu wie sie, in ihrem Buch versunken, nicht bemerken, wie ich ihnen zuschaue. Und natürlich (wenn es dann wirklich so natürlich ist) muss ich dann auch immer irgendwie ausspionieren, was für ein Buch es ist. Verbreitet ist Fantasy Literatur, auch viel Englischsprachiges und manchmal entdeckt man auch sowas wie Fontane oder Brecht, in aller Regel sehen die Leser dann aus wie typische Studenten. Durch diese angewohnte Neugierde war es für mich eigentlich nichts Besonderes, dass ich auch jenen Mann – grossgewachsen, schwarze Haare, dunkle Augen und sehr dunkle Hautfarbe – im Basler Tram beäugte, abgesehen davon, dass Menschen im Tram gewöhnlich keine Bücher lesen.  Ich musste mich etwas nach vorne beugen, er hielt sein Buch tief, tiefer als gebräuchlich. Doch so knapp nach vorne gebeugt, konnte ich auf dem Buchdeckel dann lesen:  M a x  F r i s c h – – –  Ich erstarrte, mein Gehirn setzte kurz aus, Schweiss triefte aus meinen Poren, wahrscheinlich wurde ich gar blass. Von einem Moment auf den anderen fühlte ich mich ungefähr seekrank.

Seekrank wird man, nicht wie gemeinhin geglaubt wird, allein wegen der Wellen, sondern weil unser Gehirn von unseren Sinnesorganen widersprüchliche Informationen erhält. Der Gleichgewichtssinn sagt, man schwanke, während unter Deck die Augen nicht sehen, dass irgendetwas schwankt. Angesichts dieses Widerspruchs gerät unser Hirn in Panik, rennt davon und lässt das den Körper spüren. Etwa eine solche Panikattacke hatte mein Gehirn wohl in diesem Moment. Max Frisch, ein Schweizer Schriftsteller, gelesen von einem Schwarzen, das bekam mein Kopf einfach nicht nahtlos zusammen. Vielleicht wissen Sie nun, wie man sogar in der Schweiz seekrank werden kann, auch wenn das eigentlich nicht nahtlos passt. Und wahrscheinlich kennen Sie gar solche Momente, in denen man sich selbst, im unschuldigen Glauben tolerant und vorurteilsfrei zu sein, dann doch ganz unverhofft beim Vorurteilen erwischt. Ich mag solche Momente. Sie fordern mich heraus, meine unbewusst zur Regel erhobenen Erwartungen zu durchbrechen und die Welt noch einmal neu zu erleben. Und ich mag auch Menschen, die mich überraschen. So mochte ich diesen grossgewachsenen, dunkeläugigen Mann beim Verlassen des Trams gleich doppelt. Er hat mir den neu erlebten Tag versüsst.

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