Menschenrechte brauchen Menschenpflichten

Menschenrechte sind fundamentale Rechtspositionen des Menschen, die jedem Menschen gleichermassen zustehen, grundsätzlich mit einer gewissen Unverbrüchlichkeit ausgestattet und institutionell durchsetzbar sind. Sie hängen mit der Würde des Menschen und seinen auf Freiheit, Gleichheit und Solidarität gerichteten Ansprüchen zusammen. Ihre Schwäche besteht darin, dass sie oftmals nur auf dem Papier gewahrt werden und es ihrer praktischen Umsetzung noch viel stärker bedarf. Deshalb gibt es auch Menschenpflichten.

Menschenrechte brauchen Menschenpflichten

Wollen wir die Menschenrechte wahren, legen wir uns gleichzeitig auch zur Einhaltung gewisser Pflichten fest.

«Als Adams Nachfahr sind wir eines Stammes Glieder. Der Mensch schlägt in der Schöpfung als Juwel sich nieder. Falls Macht des Schicksals ein Organ zum Leiden führt, sind alle anderen von dem Leid nicht unberührt. Wenn niemals Du in Sorge um den anderen brennst, verdienst Du nicht Dich einen Menschen nennst.»

Ein Gedicht des per persischen Dichters Saadi (1190-1283)

Die humanistische Tradition wurde mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahre 1948 fortgeführt. In Artikel 29 steht bezüglich unserer Rechte und Pflichten:

  1. Jeder hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, in der allein die freie und volle Entfaltung seiner Persönlichkeit möglich ist.
  2. Jeder ist bei der Ausübung seiner Rechte und Freiheiten nur den Beschränkungen unterworfen, die das Gesetz ausschliesslich zu dem Zweck vorsieht, die Anerkennung und Achtung der Rechte und Freiheiten anderer zu sichern und den gerechten Anforderungen der Moral, der öffentlichen Ordnung und des allgemeinen Wohles in einer demokratischen Gesellschaft zu genügen.
  3. Diese Rechte und Freiheiten dürfen in keinem Fall im Widerspruch zu den Zielen und Grundsätzen der Vereinten Nationen ausgeübt werden.

Allgemeine Erklärung der Menschenpflichen

Damit geht auch das Projekt Weltethos konform. Der InterAction Council der Vereinten Nationen formulierte im Jahre 1997 die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten. Betont wurde innerhalb der Erklärung erneut die Bedeutung der Menschenrechte, aber man ergänzte sie um die Menschenpflichten. Dabei enthält sie dieselben Grundpfeiler wie die Erklärung zum Weltethos (Chicago 1993): „Fundamentale Prinzipien der Humanität, Gewaltlosigkeit und Achtung vor dem Leben, Gerechtigkeit und Solidarität, Wahrhaftigkeit und Toleranz sowie Gegenseitige Achtung und Partnerschaft.“ Die Präambel macht deutlich, dass diese Pflicht nicht zwingt, sondern aus der ethischen Vernunft resultiert und dadurch den Menschen zu menschenwürdigem Handeln anhält. Die Menschenrechte und die dahinterstehende Bewegung würde auch gänzlich missverständen, würde sie mit Zwang in Verbindung gebracht werden. Denn vor der menschenrechtlichen Pflicht steht die Würde eines jeden Menschen. Folglich würden ihm seine Menschenrechte nicht verwehrt, selbst wenn er sich nicht an seine Pflichten hält.

Das Ethos der Menschenrechte enthält moralische Pflichten, die nicht gänzlich in einer freiheitlichen Rechtsordnung als rechtliche Pflichten positiviert werden können. Wenn die Priorität der Menschenrechte vor den Menschenpflichten und die Priorität der Achtung der menschlichen Würde nicht gewahrt werden, besteht die Gefahr des politisch und eigennützig motivierten Missbrauchs einer Pflichtenerklärung. Aber in der Präambel der Erklärung der Allgemeinen Menschenpflichten steht auch zurecht, dass  «das exklusive Bestehen auf Rechten Konflikt, Spaltung und endlosen Streit zur Folge hat und die Vernachlässigung der Menschenpflichten zu Gesetzlosigkeit und Chaos führen kann». Menschenrechte ohne Menschenpflichten sind also nur bedingt wirksam, was mitunter Grund für die Erklärung war.

Gemeinsame Werte machen die Paragraphen wertvoll

Menschenrechte sollen nicht bedeuten, dass wir alle gleich sein müssen – aber gleichberechtigt. Nur wenn wir uns auf gemeinsame Werte einigen können, welche in Einklang stehen mit der Vielfalt unserer Kulturen und Religionen, können wir uns als Menschen gegenübertreten und unser friedliches Zusammenleben auf diesem Planeten sichern. Ein Ziel, das mit Gesetzen, Vorschriften und Konventionen allein nicht erreicht werden kann. Utopien sind dies keine, denn so schwer kann es wohl nicht sein, sich auf das zu verpflichten, was man für sich selber wünscht – menschlich leben zu können.

Eine Liebeserklärung an die  Menschenpflichen

Zum Schluss ein Zitat aus dem Nachwort, geschrieben von Hans Küng, aus dem Buch Jane Goodhill (Hrsg.): Menschenpflichten. Eine (Liebes-)Erklärung in 19 Artikeln, das mit viel Leidenschaft und Liebe die einzelnen Paragraphen der Erklärung illustriert: « Moralität und Gemeinsinn können nicht als Pflichten vorgeschrieben werden. Der beste Garant für den Frieden ist ein funktionstüchtiger Staat, der seinen Bewohnern die Rechtsstaatlichkeit garantiert. Aber gerade weil Gemeinsinn und Moralität nicht vorgeschrieben werden können, ist die persönliche Verantwortlichkeit der Bürger unumgänglich.»

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