Ein Stadt im Bezirk Nusaybin der türkischen Provinz Mardin an der türkisch-syrischen Grenze
Porträt von Mesut Tufan

Lieber Mesut, bitte stelle dich doch in deinen eigenen Worten kurz vor.Wer bist du? Was machst du? Wie lebst du?
Ich bin ein „Anerkannter Geflüchteter“. Aus politischen Gründen bin ich im Juni 2012 in die Schweiz geflohen: Meine Lebenssicherheit war bedroht.
Ich komme aus Kurdistan (in der Türkei), bin in der Provinz Siirt geboren, in Adana und Izmir aufgewachsen. An der EGE-Universität in Izmir habe ich den Bachelor-Abschluss gemacht. Für meinen Lebensunterhalt musste ich stets selbst sorgen. Während des Studiums habe ich in journalistischen Tätigkeiten bei der kurdischen Zeitung gearbeitet und mich gleichzeitig als Vorstandsmitglied im „Verein für Menschenrechte“ (IHD: İnsan Hakları Derneği) als Menschenrechts-Aktivist engagiert.

Jetzt studiere ich Populäre Kulturen und Gender Studies an der Universität Zürich, dank den Stipendien von Kanton und Universität Zürich. Mein karges Leben jongliert zwischen Lernen und Wahrnehmen des Neuen. Ich wohne in einer kleinen Wohnung, koche mit Vergnügen für mich.

Ich hätte gern mehr Kontakt zu Menschen. Spontane Besuche würden mich freuen. In Kurdistan muss man keinen Termin machen, um Menschen zu besuchen.

Eigentlich war es nicht meine erste Flucht. Meine Familie und ich mussten schon einmal fliehen, als zwischen 1990 und 1995 über 4000 kurdische Dörfer von der türkischen Armee zerstört und verbrannt wurden und wir wie alle DörflerInnen in türkischen Städten Aufnahme suchen mussten. Einerseits wollte die türkische Regierung die kurdische Kultur und Sprache durch ihre Assimilations-Politik ausrotten, andererseits das Land von den kurdischen KämpferInnen säubern, die sich gegen die türkischen Angriffe in Kurdistan wehrten. Während der Evakuation der Dörfer wurden in den Jahren von 1990-1998 über 17’000 Menschen ermordet, ein großer Teil von unbekannten Tätern, die aber uns Kurden ganz bekannt sind.

Wer sind eigentlich die KurdInnen, wo befindet sich Kurdistan?

Ich will einen kurzen Blick auf die kurdische Geschichte und Sprache werfen.

Kurden sind eines der ältesten Völker Mesopotamiens. Sie sind weder Türken, Araber noch Iraner, sondern waren seit eh und je Bewohner des ‚Zwei-Strom-Landes‘, der mesopotamischen Kulturlandschaft. Sie haben verschiedene Religionen: Jesidentum, Islam, Judentum, Zoroastrismus, Alevitentum, Christentum. Ursprungsreligion der KurdInnen ist das Jesidentum, eine monotheistische Religion. Seine Geschichte geht auf 3000 Jahre v.Chr. zurück. Nach der Entstehung des Islams um 700 n.Chr. wurde ein grosser Teil der Jesiden Opfer der Zwangs-Islamisierung. Heute werden sie leider von den radikalen Islamisten wie IS wegen des Glaubens verfolgt, sogar ausgerottet.

Insgesamt gibt es auf der ganzen Welt zwischen 40 und 50 Millionen Kurden.
Das ganze Gebiet von Kurdistan (im Nordosten der Türkei, Norden von Syrien, Irak, Iran) wurde mit dem Vertrag von Lausanne am 24. Juli 1923 zwischen der Türkei, Grossbritannien, Frankreich, Italien usw. auf vier Staaten verteilt: Türkei, Syrien, Iran, Irak.
Nach dem zweiten Weltkrieg hatten die Kurden aber einen Staat ausgerufen: Die Republik Kurdistan, im äußersten Nordwesten des zu jenem Zeitpunkt teils von Grossbritannien teils von der Sowjetunion besetzten Iran. Die Republik bestand vom 22. Januar bis zum 16. Dezember 1946. Nach dem Rückzug der sowjetischen Armee wurde sie vom Iran erobert.
Das Ergebnis des Krieges war die Zerschlagung der kurdischen Republik und die Ausschaltung ihrer Führungsschicht. Sie wurde am 30. März 1947 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die kurdische Kultur wurde in der Folgezeit unterdrückt. Viele Kurden flohen über den Irak in die Sowjetunion.
Im März 1970 gründeten die KurdInnen im irakischen Kurdistan ein teilautonomes Staatssystem. 1992 folgte die De Facto-Autonomie, im Januar 2005 die Anerkennung in der irakischen Verfassung als Autonome Region Kurdistan. Die irakischen KurdInnen planen ein Referendum für die Unabhängigkeit auf den 25. September 2017.
Die heutige Türkei ist 1923 gegründet worden. Sie hat das damals „erworbene“ kurdische Volk nie als eigene Ethnie anerkannt. Es sollte wie die anderen Minderheiten rasch und umfassend türkisiert werden. Bestrebungen der Kurden, die eigene Kultur (Sprache, Schulen, Traditionen) zu erhalten und zu pflegen, wurden verboten und brutal bekämpft. Als Reaktion wurde 1978 die PKK, die Kurdische Arbeiterpartei, gegründet. Die PKK ist keine terroristische Organisation, sondern eine Freiheitsbewegung für die kurdische Autonomie. Anfangs bestand durchaus das Ziel, einen unabhängigen, sozialistischen Kurdenstaat zu gründen. Das wurde von der Türkei vehement bekämpft. Ab 1993 setzte sich die PKK verschiedentlich für Waffenstillstände ein. Sie wurden von der Regierung nicht ernst genommen. Im Jahr 2000 entschied die PKK, die Abtrennung von der Türkei aufzugeben und mit der Regierung eine demokratische, politische Lösung zu suchen, unter Vereinbarung sozialer und kultureller Rechte für die Kurden. Sie wurde nicht erreicht, es gab weitere Angriffe auf die nach Eigenständigkeit strebenden Kurden. Seit 1984 forderten die Kriege 35’000 Todesopfer.
Die Probleme der Türkei mit den Kurden greifen über die Landesgrenzen hinaus: Im Irak droht die Gründung eines kurdischen Staates, was die türkische Regierung ebenfalls bekämpft.

„Kurden sollen einfach nicht zu mächtig werden“.

Manchmal denke ich, der Hass der nationalistischen Türken auf die Kurden und Kurdistan habe mehr kulturell als politisch basierte Grundlagen: Bevor die Türken 1071 von Zentralasien nach Anatolien kamen, war dieses Land von verschiedenen Ethnien bewohnt: Griechen, Armeniern, Kurden, Assyrern und vielen anderen. Vielleicht befürchten die Türken den Verlust der damals eroberten Gebiete?

So könnte man sagen: Es ist eine Türkei-, nicht eine Kurden-Frage! Deshalb sollte die Türkei sich eigentlich dieser unterschiedlichen, farbigen anatolisch-mesopotamischen Kultur anpassen, nicht als Regentin, sondern als ein Teil dieser gemeinsamen Heimat…

Im Exil versuchten viele kurdische Intellektuelle, die kurdische Sprache am Leben zu erhalten, denn sie war in den vier Teilen von Kurdistan verboten worden. Die kurdische Identität stand unter einem systematischen Assimilisations-Druck.
Die kurdische Sprache hat keine Verbindung mit den arabisch-semitisch-hamitischen oder ural-altaischen Sprachen wie Türkisch. Sie gehört zur indo-mesopotamisch-europäischen Sprach-Familie.
Einige kurdische Wörter haben eine interessante Verwandtschaft mit Deutsch, zum Beispiel: Erde/Erd, Stern/Sterk, Haben/Hebun, Neu/Nu, Schämen/Şerm, Hier/Hire, Nein/Na, Neun/Neh, Du/Tu, Zeh/Sehr, Bira/Bruder, Mamoste/Meister, Qas/Gans, Karin/Können, usw…

Wegen der Kolonialisierung durch die Türkei und andere Länder konnten die Kurden keine politische Einheit untereinander aufbauen. Deshalb konnten sie auch keine einheitliche Sprache systematisieren. Es wurde versucht, den Dialekt Kurmandschi zur Standard-Sprache zu entwickeln. Aber es ist noch nicht geschafft, weil bis heute die kurdische Sprache nicht amtlich anerkannt ist, ausser in Irakisch-Kurdistan.
Die wichtigsten kurdischen Dialektgruppen sind: Kurmandschi, das auch Nord-Kurdisch genannt und in der Türkei, in Syrien, im Libanon, in den nördlichen Landesteilen Iraks, Irans sowie der ehemaligen Sowjetunion gesprochen wird. Seit Beginn der Dreissiger-Jahre wird es mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Sorani: Verwendet das arabische Alphabet. Es wird im Irak gesprochen. Gorani: Ist im Iran gebräuchlich. Kurmandschi sprechen 30 Millionen Menschen, Zazaki 6 Millionen, Gorani 10 Millionen, Sorani bis 2 Millionen.

Die kurdische Sprache hat eine starke orale Literatur. Weil die Sprache verboten war, wurde nicht so viel geschrieben. Gespräche werden deshalb oft sehr bildhaft vermittelt.
Das ist eine andere Sprachform. Sie legt eine Spur zur Kultur und Lebensweise einer Gesellschaft.

Wieso und von wo bist du in die Schweiz geflüchtet?
Ich war Student an der EGE-Universität in Izmir. Gleichzeitig arbeitete ich als Journalist bei der kurdischen Nachrichtagentur und engagierte mich als Vorstandsmitglied im „Verein für Menschenrechte gegen staatliche Repression und antidemokratisches Geschehen“. Ziel war die Demokratisierung der Türkei durch die Anerkennung der Menschenrechte. Wegen meiner Überzeugung für diese Werte wurde ich mehrmals verfolgt und gefoltert.
Eigentlich war schon lange klar, dass ich in meiner Heimat nicht mehr in Sicherheit leben konnte. Ich machte mir oft Gedanken darüber, wie ich trotz des unerträglichen psychischen und physischen Drucks einen Ausweg finden könnte, entweder in meiner Heimat zu bleiben oder ins Exil zu gehen. Einmal wollte ich sogar mein Studium aufgeben und von Izmir nach Adana zu meiner Familie zurückkehren.

Dann begann die türkische Regierung mit ihren Polizisten und dem ungerechten Rechts-System Druck auf meine Familie auszuüben. Mein Vater wurde im Jahr 2011 auf der Straße in Adana fast zu Tode gefoltert. Kopf und Nase wurde an vielen Stellen gebrochen, dann wurde er ohne Behandlung vom türkischen Gericht verhaftet und über 6 Monate ins Gefängnis gesetzt. Der Grund, dass ich Dir das erzähle, ist, dass Polizisten meinen Vater zuerst nach mir fragten, ihn wegen mir terrorisierten und somit meine Familie von der Regierung aus drangsalierten. Man unterstellte meinem Vater, er hätte auf der Straße gegenüber Polizisten gesagt „Wir werden Kurdistan gründen“! Dieses Wort ist gesetzlich verboten, denn es stört nach türkischem Gesetz die türkische territoriale Unversehrtheit. Es wird als Provokation verstanden.

Danach wurde ich wie viele Menschenrechts-Aktivisten vom Gericht in Gewahrsam genommen und mit mehr als 30 Jahren Haft bedroht. Das waren Zeichen, dass ich in meiner Heimat nicht mehr in Ruhe bleiben konnte.

Durch unsere Anwälte erfuhren viele Kameraden und ich, dass wir verhaftet würden. Deshalb trafen wir in kurzer Zeit die Entscheidung, von Izmir aus in verschiedene Länder zu fliehen. Eine schnelle Entscheidung war wichtig: Entweder geht man ins Gefängnis, in die Berge als Widerstands-KämpferIn oder ins Exil. Man hat nicht viele Möglichkeiten.

Was waren die größten Schwierigkeiten und Widerstände, die du auf der Flucht erlebt hast?
Mich nicht verabschieden zu können!
Wegen meiner Sicherheit war es nicht möglich, Kontakt mit meinen Eltern aufzunehmen. Die Schlepper hatten mich gewarnt, sehr vorsichtig zu sein, bis sie für mich einen sicheren Fluchtweg finden würden. Ein erster Versuch zur Flucht war misslungen. Das Warten und Nichtwissen, was mir auf der Flucht begegnen wird, hat mir eine beinahe unerträgliche Situation, eine enorme Schwierigkeit bereitet. Manchmal habe ich den Fluchtgedanken fast aufgegeben, selbst wenn ich verhaftet und sogar getötet würde. Weil ich ahnte, was Heimatlosigkeit und Fremdsein bedeutet!

Es war ein Schmerz, der nicht nur das Verlassen der Heimat bedeutete, sondern den Verlust der Menschen, der FreundInnen, des Berufs, der Sprache, der Natürlichkeit der Gewohnheiten, einfach die Erinnerung der Existenz… Alles musste hinterlassen werden.

Auch denke ich oft an meine Hunderten von Büchern, an den Fotoapparat, an das Velo… mit denen so viele Erinnerungen verknüpft sind. Ich habe diesen nagenden Schmerz, der mir das Exil bereitet, bis zur kleinsten Einheit meiner Atome gefühlt.

Man geht, bleibt. Menschen und Heimat sind verloren!
Ich wusste, dass nie mehr alles wie vorher sein würde. Der Verlust, das Dazwischen-Sein und das Trauma der Heimatlosigkeit und des Fremdseins wird uns immer begleiten.

Wie war das Ankommen in der Schweiz? Hast du dich unterstützt und/oder willkommen gefühlt?
Das ist eine schwierige Geschichte. Im ersten Jahr in der Schweiz habe ich in einem trostlosen Flüchtlingsheim auf dem Land gewohnt. Es gab keine Möglichkeit, mit Menschen Kontakt aufzunehmen oder mindestens die Sprache zu lernen. Deshalb habe ich mich bemüht, selber Deutsch zu lernen. Es gab im Geflüchteten-Heim nicht einmal einen Tisch, auf den ich das Buch legen konnte. Nach einem Jahr haben Freunde mir einen Deutsch-Kurs in Zürich ermöglicht.

Das Schwierigste war vielleicht, als eine Asylbetreuerin mir sagte, „Sie haben kein Anrecht auf einen Tisch, weil Sie (nur) den N-Ausweis haben“. So habe ich erfahren, was für eine Hegemonie der Stufen der Ausweise existiert. Nach langem Insistieren konnte ich zum Glück einen Tisch bekommen. Das ist eine Seite.

Auf der anderen Seite bin ich wirklich dankbar, dass die Schweiz mir meine Freiheit wiedergeschenkt hat. Ich bin in einem sicheren Land. Ich bin wieder auf dem Weg, eine Existenz für mein Leben aufzubauen. Der Besuch von Sprachkursen wurde mir nach der Anerkennung als Geflüchteter ermöglicht (nach zwei Jahren). Jetzt kann ich mit einem Stipendium mein vorheriges Studium verknoten. Das ist wirklich nicht selbstverständlich…
Ich kann noch nicht sagen, dass es ‚Willkommen‘ heißt. Eigentlich ist es fast unmöglich, im Exil gegenüber sich selber auch willkommen zu sein. Weil man sich immer ‚Dazwischen‘ und noch als ‚Anderer‘ fühlt, nicht dazugehörend.
Aber ich bin mit vollem Herzen dankbar für die großen Unterstützungen.

Wie verlief der Prozess deiner „Integration“?
Mein ungeheuerliches Herkunfts-Land hat mich ausgespuckt. Ich will mich hier mit meiner Situation als Geflüchteter versöhnen. Jetzt versuche ich, mich sprachlich gut verständigen zu können, um zu Verstehen und Verstanden zu werden – mich mit der Sprache, den Menschen und Lebensbedingungen einigermaßen zurechtzufinden.

Damit ich das Land ein wenig als Heimat spüre, lese ich über seine Geschichte, versuche Gespräche mit Einheimischen zu öffnen, versuche ich anzufangen „Wir“ zu sagen.

Aber meine ursprüngliche Heimat wird mir immer fehlen. Die Schweiz gibt mir jedoch einen wertvollen Rahmen und Raum für eine gute zweite Heimat. Ich kann „mit der Schweiz umgehen“. Ich bin einigermaßen hier zu Hause. Daneben bin ich auch stolz darauf, Kurde zu sein. Meine Denkweise und meine Traditionen, die Erinnerungen an Farben und Töne will ich nicht verlieren. Man ist immer eine Mischung aus Alt und Neu. Man ist „dazwischen“. Man ernährt sich von beiden Kulturen.

Nach 12 Jahren Aufenthalt in der Schweiz werde ich das Einbürgerungs-Gesuch stellen können! Bis dann gibt es vielleicht auch einen kurdischen Pass – aber inzwischen hoffe ich auf den schweizerischen…

Wie stehst du zu Integration allgemein?
Allgemein wird Integration als Prozess verstanden, der das Zusammenwachsen von einheimischer Bevölkerung und Zuwanderern fördert. Im Vordergrund stehen Eingliederung und Anpassung an bestehende Alltags-Verhältnisse. Integration ist anspruchsvolle Arbeit. Sie besteht aus Geben und Nehmen und aus gegenseitigen Rechten und Pflichten. Es treffen verschiedene Lebenswelten aufeinander: Gewohnheiten, Traditionen, Erwartungen, Vorstellungen.
Für Geflüchtete hat die Schweiz wunderbare Integrations-Strukturen: Sie gewährt Obdach, finanzielle Unterstützung, administrative Begleitung, Aufmerksamkeit bei Problemen. (Ich habe auch einmal einen persönlichen Brief von Frau Sommaruga bekommen).

Man ist integriert in Gesetze, Abläufe, Normen und Formen, aber noch nicht in die gesellschaftlichen Dimensionen. Integration ist ein subtiler sozialer Vorgang. Doch er bedeutet noch nicht „Dazugehören“! Dazugehören ist ein emotionales Empfinden.

Es ist mehr, als integriert zu sein: Es umfasst das Mensch-Sein, als Mensch sich zugehörig fühlen und akzeptiert sein. Mich wirklich zugehörig zu fühlen, habe ich noch nicht geschafft. Es ist ständiges Bemühen, und ich habe noch Hoffnungen… Als Beispiel: Ich versuche immer wieder, mit einheimischen Menschen spontan ins Gespräch zu kommen. Aber es gelingt selten gut oder leicht. SchweizerInnen sind sehr nett, höflich, hilfsbereit, bleiben jedoch eher distanziert und anonym. Man scheint keine Zeit für ein Gespräch zu haben, hat vielleicht Angst vor Fremden, oder eine Abneigung gegen sie. Es gibt ganz tief ein maskiert verstecktes Gesicht der Ab- oder Ausgrenzung. Ich erfahre den Ausschluss systematisch unempathisch. Es ist schwierig, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen.

Das hat oft nicht nur mit der Sprache zu tun, sondern auch mit dem Fremdsein. Es wird auch nicht so gern Schriftdeutsch gesprochen – und für mich ist Schweizerdeutsch noch zu schwierig. Dazu haben sich die Menschen in unserer modernen Welt stark der Technik angepasst. Dadurch sind sie selber technischer, aber auch hektischer geworden. So leidet die Kommunikation von Mensch zu Mensch. Wir sollten das Ziel haben, ein Gleichgewicht zwischen Technik und unseren tiefen menschlichen Werten zu halten.
Es ist schade, dass die heutige Gesellschaft sich nicht mehr durch die Begegnungen mit Anderen von ihren vielfältigen Kulturen ernährt!

Wie stehst du im Kontakt zur Türkei und zu Kurdistan? Wie ist die momentane Situation in Kurdistan und der Türkei?
Ich lese die täglichen Nachrichten aus meinem Herkunftsland nur mit Entsetzen. Es ist für mich fast nicht auszuhalten, wie die Türkei sich wieder von den Menschenrechten und der Demokratie entfernt. Sie kehrt sozusagen in die 1980er-Jahre zurück, mit ungeheuerlichen Gewaltakten, ständigen Verhaftungen von demokratisch gesinnten Menschen.

Ich telefoniere regelmässig mit meinen Eltern und anderen Verwandten. Es sind wehmütige Kontakte: Es ist meine verlorene grosse Familie, und es ist gleichzeitig der gemeinsame Schmerz über das Schicksal unseres Volkes. In keinem Moment entkommt man den Erinnerungen an das Kriegsgeschehen, das seit Jahrzehnten brutal unser Dasein belastet.
Telefongespräche schaffen gleichzeitig Freude und Leid.
Die politische, soziale und ökonomische Situation der Türkei ist in einer schweren Krise. Seit die AKP an der Macht ist, sind die Menschenrechtsverletzungen stark gestiegen. Auch die Gewalt gegen Frauen hat zugenommen. Als die Kurden im Juni 2015 bei der Parlamentswahl 80 Abgeordnete (13,1%) gewannen, wurde dieser Erfolg durch die türkische Regierung mit Gewalt torpediert. Sie wollte die starke oppositionelle Kraft nicht akzeptieren. Das führte zu neuen Eskalationen: Verstärkte Militäroperationen gegen Selbstverteidigung der kurdischen politischen Parteien und Jugendorganisationen.
Die Vertreibungen, Zerstörungen, Massaker, auch an Zivilisten, gehen weiter. Es gibt fast keine KurdInnen, die nicht den daraus entstehenden Schmerzen und Traumata begegnet sind. Auch in meiner grossen Familie wurden in den letzten 30 Jahren über zwanzig Personen von der türkischen Armee getötet, unter ihnen mein älterer Bruder.

Das Recht auf freies Denken wird von der AKP aufs Gröbste verletzt. Der Präsident und die Co-Präsidentin der HDP: Halklarin Demokratik Partisi, auf Deutsch Demokratische Partei der Völker, und 13 weitere Abgeordnete des Parlaments sowie 84 BürgermeisterInnen sind in Haft. Zeitungen und Fernsehkanäle, die über die kurdische Frage und die Situation von ArbeiterInnen berichten, wurden verboten.
Der Putsch von 2016 betraf nicht nur die Kurden. Das Drama erschütterte das ganze Land: Über 100 Tausend Beamte wurden entlassen, 19 Gewerkschaften und etwa 1600 Vereine wurden geschlossen, fast 200 JournalistInnen sind in Haft. Nach dem türkischen Justizministerium sind 197’000 Menschen in Gefängnissen, gegenüber 59’000 im Jahr 2002, als die AKP an die Macht kam.
Man sieht die unmenschliche Politik der AKP.

Auch Abdullah Öcalan, der Führer der PKK, ist seit 1999 isoliert in Gefangenschaft und seit Juli 2011 ohne Kommunikation mit seinen Anwälten. Seine Botschaft ist sehr wichtig für die Beendigung des Konflikts und für Frieden zwischen Kurdistan und der Türkei.
Es ist ganz klar, dass die kurdische Frage nicht mit Kriegen gelöst werden kann, sondern politische Verhandlungen erfordert. Die Regierung sollte wie im Februar 2015 wieder bereit sein zu einem Friedens-Prozess. Leider war dieser jäh abgebrochen worden.

Ich behalte die Hoffnung und den Mut, dass die furchtbare Situation des fast 40 Jahre dauernden Krieges eines Tages beendet sein wird und die Menschen in Kurdistan und in der Türkei ein friedvolles Zusammenleben teilen werden.

 

Teil II des Interviews mit Mesut Tufan folgt nächste Woche. Dann spricht er über seinen Weg der Integration in der Schweiz, was er hier vermisst und schätzt und wie sein Engagement heute aussieht.

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