Manche Dinge dürfen vage sein

Hier sind wir an einem Punkt, wo auch vermeintlich undogmatische Menschen sehr dogmatisch auftreten können. Ich denke dabei an die vehementen Verfechter des Atheismus, die Plakate an Werbeflächen auf Bussen und Häusern anmachen lassen, worauf steht, dass es wahrscheinlich keinen Gott gibt. Die Aufgeklärten missionieren gegen diejenigen, die sie für Missionare des Unaufgeklärten halten. Aber ich möchte hier gar nicht diese Debatte anheizen, oder gar selbst Position für die eine oder die andere Seite beziehen. (Na gut. Meine Antwort auf diese Frage findest du, werter Leser, am Ende dieses Essays.) Ich möchte dafür plädieren, dass manche Dinge vage und unbeantwortet sein dürfen, ja, vielleicht vage sein müssen.

Die Frage ist offen, ob man sich bei solchen Sinnfragen überhaupt auf eine Antwort einigen muss. Gerade Fragen wie die Frage nach Gott sind seit unzählbaren Generationen ungeklärt. Warum sollten gerade wir diese Frage nun heute klären können? Weil wir heute technisch und wissenschaftlich weiter fortgeschritten sind als jemals in der Geschichte zuvor? Wenn das so wäre, dann dürften nur Wissenschaftler über die Existenz von Gott diskutieren. Oder weisst du, wie ein iPhone funktioniert? Vermutlich könnten die Leute, die die oben genannten Plakate aufgehängt haben, kein einfaches (und wasserdichtes) Strohdach bauen. Soviel zu Fortschritt als Rechtfertigung.

Braucht es Einheit?

Ich stelle mir die Frage, ob man überhaupt jemals allgemeingültige Antworten auf solche Fragen treffen kann. Die Frage nach Gott ist auch hier ein gutes Beispiel: Gott als konzeptuelles Wesen ist selbst derart unvorstellbar gross, das man es niemals begrifflich fassen kann. Konzepte wie «Existenz» und «Inexistenz» sind völlig fehl am Platz, um ein unendliches Ding wie Gott zu beschreiben. Gott ist wie ein Tausendeck. Man weiss genau, was gemeint ist, kann sich das aber irgendwie doch nicht vorstellen. Aber natürlich kann ich hier so viel argumentieren wie ich will, für Theisten oder Atheisten ist schon allein diese Argumentation überflüssig, da sie, in ihrem Wissen sicher, ja nicht zu argumentieren brauchen. Gerade das ist aber der Beweis, dass man sich über solche Fragen nicht einig sein kann. Und ich möchte nun zeigen, dass man sich auch nicht einig zu sein braucht.

Einerseits ist es wertvoll, wenn es verschiedene Meinungen zum Thema gibt. Gerade weil es nicht sicher ist, wie die Antwort auf diese Fragen lautet, braucht es eine grosse Palette an Antworten. Diese Vielfalt bedeutet kulturellen und ideologischen Reichtum. Aus dieser Unterschiedlichkeit können wir viel lernen. Oder stell dir, lieber Leser, einmal vor, man könnte Antworten auf Sinnfragen auf Wikipedia nachlesen. Was ist der Sinn des Lebens? Klick, klick. Ach so. Gerade im Austausch und im Diskurs liegt ein sehr grosser Mehrwert.

Schliesslich und endlich ist eine Einigung in Sinnfragen zum Frieden gar nicht notwendig. Auch Küng meint, dass Frieden auch ohne Einigung in allen Fragen möglich ist.

«Das Projekt Weltethos zielt nicht auf eine Einheit der Religionen, sondern auf Frieden zwischen den Religionen.»

Hans Küng, in: Handbuch Weltethos

Ein friedliches Kaffeekränzchen und die Antwort auf alle Fragen

Und dieser Frieden und diese Zusammenarbeit sind alles, was für uns Menschen heute notwendig ist. Stellen wir uns einen Kaffeetisch vor, an dem Menschen mit allen möglichen Meinungen zur Frage nach Gott sitzen. Damit dieses Kaffekränzchen ein Kaffekränzchen bleibt und die Teilnehmer sich nicht gegenseitig mit heissem Kaffee überschütten oder sich die Unterteller und Kekse um die Ohren hauen, darf der Anspruch auf Wahrheit der eigenen Aussagen für einmal nicht wichtig sein. Erst dann kann ohne Sorge um Haut und Haar und mit Vergnügen Kaffee geschlürft werden.

Es scheint also sogar so zu sein, als ob das Zugeständnis auf Vagheit bei der Beantwortung solcher Fragen notwendig für den Frieden ist, und gar nicht die endgültige Beantwortung der Frage. So lasst uns unsere Differenzen stehen lassen und uns ganz pragmatisch auf die Suche machen. Auf die Suche nach einer Weise, wie wir miteinander leben können, trotz all den Unklarheiten. Denn irgendwie bedeutet das Freiheit. Wir sind frei, nicht auf alles eine allgemeingültige Antwort geben zu müssen.

Also hier meine Antwort. Gibt es einen Gott? Vielleicht. Vielleicht nicht. Absolut, ja. Aber auf gar keinen Fall. Zucker?

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