Kein Sex vor der Ehe und keine Ehe in der lieblosen Weltwirtschaft

Ich bin keine Romantikerin. Aufgewachsen in einer Gesellschaft, in der jeder und jede mit jedem und jeder kann, wann und so oft er und sie wollen, habe ich den Glauben an die wahre Liebe bereits aufgegeben, ehe dieser überhaupt jemals bestand. Und dennoch machen mich die zahlreichen Geschichten von jungen, verzweifelt verliebten Menschen aus Ägypten irgendwie traurig. Nicht aus romantischen Gründen, sondern aus Gram gegen die lieblose Weltwirtschaft.

Das Vorspiel

Ich möchte hier nicht über Sinn und Unsinn von Sex vor der Ehe diskutieren. Dazu vielleicht nur dieser Input: Die sexuelle Revolution hat  uns sicherlich nicht nur Freiheit gebracht. Der soziale Druck auf den eigenen Sex-score («Waas, du hast seit sechs Monaten keine gehabt?!»), der Druck auf die sexuelle Offenheit («Machst du’s auch anal?») und der Druck auf die sexuelle Anziehungskraft (selbstredend)  haben so manches junge Ego in den Abgrund getrieben, so dass es unreflektiert wäre, das Gebot der Enthaltsamkeit als Schmach der individuellen Freiheit von vornherein zu diskreditieren. Wenn wir uns solchen negativen Auswirkungen der sexuellen «Freiheit» in unserer Gesellschaft bewusst werden, wird es möglich, die Überzeugung für die Enthaltsamkeit bis zur Ehe aufgeschlossen und damit weitreichender zu betrachten, und dies möchte ich hier tun.

Der erste Akt

Ägypten dient dafür als ein Beispiel. Die Entschlossenheit junger Menschen in diesem Land bis zur Ehe zu warten, ehe die ersten Küsse oder die erste gemeinsame Nacht geteilt wird, ist gross; aus Respekt gegenüber der Religion, aus Respekt gegenüber sich selbst und teilweise auch aus Respekt vor sozialen Sanktionen. Zumindest etwa bis zum 25. Lebensjahr. Danach folgt das Erwachen in der bitteren Realität: Frau findet im besten Alter den Mann ihrer Träume, gewillt mit ihm den Rest ihres Lebens zu verbringen, doch leider hat er einen jener unzähligen Jobs, die kaum zum Überleben reichen, geschweige denn für eine Hochzeit. Es fehlt weder an Liebe, noch an Segen, sondern einzig an Geld. Trotz Arbeit.

Der zweite Akt

Obwohl viele Frauen heute bereit sind, auf teure Geschenke zu verzichten, sind die Kosten für eine Hochzeit enorm. Ungefähr 200‘000 Ägyptische Pfund kostet eine Heirat mit der Wohnung drum herum. Das ist viel Geld. Selbst für uns. Doch der durchschnittliche Arbeitgeber in Ägypten berappt für einen Fulltimearbeiter lediglich um die 2000 Pfund oder nur 1300 Pfund oder gar nur 600 Pfund. Ein Zahnarzt(!) erzählte mir, sein Salär sei gerade mal 230 Ägyptische Pfund. Ich habe drei Mal nachgefragt und mich auch anderweitig versichert – die Zahl stimmt. Man braucht nicht gut in Mathe zu sein, um abschätzen zu können, dass man in Ägypten sein Leben damit verbringen kann, für die Hochzeitsnacht zu sparen.

Die Rahmenhandlung

Dies ist nicht ein Problem der Religion. Dies ist ebenfalls nicht ausschliesslich verursacht durch nationale Politik. Sondern vor allem eine Folge einer ungerechten Wirtschaft, die sich um Wachstum und Profit, statt um die Liebe kümmert. Und wo die Versprechen des radikalen Kapitalismus versiegen und Wachstum und Profit nicht ihre Wurzeln schlagen, leisten viele junge Menschen miserabel bezahlte Arbeit mit der Hoffnung auf Liebe. Einige ihr Leben lang. Man stelle sich vor, in einer Gesellschaft, in der jeder mit jeder und jede mit jedem kann wann und wie oft er und sie wollen, es läge am Geld, dass man nicht kann, mit dem Menschen, den man liebt.

Doch betroffen ist hierbei nicht einfach Sex. In einer Gesellschaft wie der ägyptischen, wo nicht die Religion, sondern die Liebe in den privaten Raum gehört, hat selbst jeglicher symbolische Ausdruck dieser Liebe in der Öffentlichkeit nichts verloren. Allerdings bleibt ohne Heiratsbescheinigung auch der private Raum den Verliebten verwehrt. Kein Hotel vergibt ein Doppelzimmer und kein Eigentümer vermietet seine Wohnung ohne dieses teure Papier. Keine intime Beziehung ohne privaten Raum, doch kein privater Raum ohne Hochzeit und keine Hochzeit ohne Vermögen. So gibt es für Verliebte keine Küsse, keine Umarmung, ja nicht einmal ein romantischer Film Arm in Arm.

Der Höhepunkt

Für uns mag das verstörend sein. Ringt einem vielleicht nicht mehr als ein mitleidiges Lächeln ab, gefolgt von dem Gedanken, dass all jene verzweifelt Verliebten doch einfach die nächste Revolution starten sollten, um sich aus dieser Verzweiflung zu befreien. Doch wer dies denkt, denkt, es sei eben doch ein Problem der Religion. Oder der gesellschaftlichen Normen. Aber keine Sure im Koran hält  die Kosten eines Hochzeitspapiers fest und keine soziale Norm fordert auf, die Arbeitnehmer so miserabel zu bezahlen. Nicht in der individuellen Überzeugung zur Enthaltsamkeit liegt der Höhepunkt der Tragik, sondern darin, dass diese Überzeugung in eine derartige sozioökonomische Rahmenhandlung gebettet ist, so dass spätestens im zweiten Akt, mit ungefähr 25 Jahren, klar wird, dass die geplante Romanze nur als Trauerspiel enden kann.

Das tragische Ende

Bis anhin hat noch keine soziale Bewegung vermocht, die globale Rahmenhandlung zu revolutionieren. Und wer angesichts dessen von diesen jungen Menschen erwartet, ja auch nur denkt, sie sollten doch schlauerweise ihre religiösen Überzeugungen und gesellschaftlichen Werte nach dem globalen Setting (genannt Moderne) ausrichten, kann in diesem Gedanken bei sich selbst bezeugen, wie dem Diktat der Wirtschaft fügsam und willig so viele Werte zur Vergewaltigung hingehalten werden. Das Weltethos nach Prof. Dr. Hans Küng fordert eine anständige Wirtschaft, in der die Werte der Solidarität und der Gerechtigkeit dem wirtschaftlichen Wachstum ebenbürtig sind. Und in diesem Falle heisst anständig wirtschaften auch mit Liebe und für die Liebe zu wirtschaften.

Die Zuschauer

Auch wenn es für uns nicht ganz nachvollziehbar sein mag, warum diese Frauen und Männer die Enthaltsamkeit vor der Ehe ausüben, haben sie wertvolle Gründe, die es zu respektieren gilt. So sehr, dass es im gleichen Atemzug vielleicht nicht zu tolerieren ist, dass die ungerechten wirtschaftlichen Umstände Menschen nicht nur des Essens oder des Obdachs, sondern gar der Liebe berauben. Es wäre hochmütig zu erwarten, ja nur zu denken, jene Menschen würden ihre Werte und ihr Glaube an die eine wahre Liebe besser dem Glauben an Wachstum und Profit zum Opfer vorwerfen.

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