Jesus als «Babysitter für Schlittenhunde»

Am 20. Mai veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen erfrischenden Artikel der Schweizer Journalistin Bernadette Calonego: Die heilige Schrift der Christenheit dringt erstmals in lokaler Sprache bis in die arktischen Breitengrade der kanadischen Inuit vor. Dafür wurde viel beherzte Übersetzungsarbeit geleistet. Die das Ganze aber teilweise skurril anmuten lässt.

Denn: Wo man weder Esel noch Schafe, Palmen noch Wüsten kennt, fehlen auch die Worte dazu. Als Konsequenz wurden in der Inuktituk-Version der Bibel einige Anpassungen vorgenommen: Statt auf einem Esel reitet Jesus etwa auf einem «Tier, das lange Ohren hat». Noch schwieriger wird es bei Abstrakta: Erlösung – noch nie gehört. Frieden – auch dafür kennen die friedlichen Inuit kein eigentliches Wort, so dass man sich der Negativdefinition bedient hat: «Zustand ohne Krieg». Wo auch dieser Definitionsweg nicht mehr möglich war, musste man möglichst passende Umschreibungen finden: Gnade wurde zum «unverdienten Gefallen», Wunder zu «etwas, das man nicht jeden Tag sieht». Ähnlich musste man mit den Gleichnissen verfahren, denn: Wie übersetzt man den «guten Hirten» für Menschen, die keine Tiere hüten? Er wurde schliesslich als «Babysitter für Schlittenhunde» umschrieben, die verlorenen Seelen als «Tiere mit gekräuseltem Haar».

Unwillkürlich musste ich mir nach der Lektüre die Frage stellen, welche Rolle Sprache für die Religion spielt. Für Schriftreligionen, müsste man meinen, ja geradezu eine zentrale. Jedes Wort kann auf die Goldwaage gelegt, als Legitimation für irgendeine Verhaltensweise herbeigezogen werden. Worte formen Bilder; Fehlübersetzungen lassen Kamele durch Nadelöhre gehen, ein vergessener Buchstaben hat dem Propheten Moses Hörner verpasst, und die Debatte, ob Jesus wirklich an einem «Kreuz» starb oder ob es sich beim griechischen Originalwort nicht einfach nur um einen «Pfahl» handelte, hatte immerhin zur Folge, dass manche Christen das Kreuzsymbol als unbiblisch ablehnen.

Sprachlicher Kolonialismus?

Hier handelt es sich aber nicht um «nur» Fehlübersetzungen oder Auslegungsfragen, sondern um die Übertragung einer Religion in einen anderen Kulturraum, wo das wesentliche Transportmittel von Bedeutungsinhalten, die Sprache, grundlegend anders funktioniert. Wo sich das zur Verfügung stehende Vokabular ganz anders zusammensetzt, wo viele Konzepte, die in der christlichen Religion als zentral gelten – etwa die Erlösung – als Begriff nicht einmal existieren. Wo ursprünglich eine ganz andere Kosmologie galt, andere Vorstellungen von der Welt und vom Menschen. Kann man also ganze Denkwelten und die auf ihnen beruhenden religiösen Konzepte in derart fremde Kulturräume verfrachten, ohne dass dabei Inhalte die Nuancen wechseln – oder gar an Substanz verloren geht? Wenn wir eigene Sprachbilder anderen Kulturräumen aufzwängen, mündet das nicht notgedrungen in Verzerrungen dessen, was nichtsdestotrotz von vielen überzeugt als «Wort Gottes» deklariert wird?

Vielleicht sind diese Fragen zu theoretisch. Mich werfen sie zurück auf die grundsätzliche Vermittelbarkeit von Sinn durch Worte, die rund 30‘000 christlichen Inuit in Kanada hingegen werden sich wohl einfach nur freuen, ihre heilige Schrift in der eigenen Sprache lesen zu können – sie zählen dort laut Artikel zu den fleissigsten Kirchgängern. Ich hätte auch gern ein Exemplar des Buches. Als illustrierte Version.

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