Ja zur Solidarität, nein zur staatlichen Bevorzugung

Sollen Flüchtlinge einer ausgewählten Religion bei der Asylsuche in unserem Land bevorzugt werden? In der Tat geisterte in den letzten Jahren die Idee einer vereinfachten Einwanderung für bedrohte Christ_innen umher. Viele werden diese Haltung vom ersten Moment an ungerecht finden. Doch gibt es nicht ein Gefühl, welches zumindest Christ_innen zu spüren gibt, dass eine spezielle Solidarität mit Glaubensgenoss_innen durchaus gerechtfertigt wäre?

Als Autor dieses Textes kann ich nur von meinem eigenen Standpunkt aus schreiben, und dieser ist christlich geprägt. Und ich gebe zu: Ich empfinde diese besondere Verbundenheit. Nachrichten und Berichte von Hilfsorganisationen wie Open Doors, welche unterdrückte Christ_innen unterstützen, geben mir sehr zu denken. Das Glaubenszeugnis verfolgter Christ_innen in schwierigsten Lagen beeindruckt mich. Sie beten die gleichen Gebete wie ich. Ich kann das „Vater unser“ in Ruhe und Frieden aufsagen, sie nicht. Katholische Christ_innen dürften dies wegen der ausgeprägt globalen Verbreitung ihrer Konfession noch intensiver fühlen. Die Gedankenwelt von Angehörigen anderer Religionen ist mir fremder. Diese Solidarität mit Glaubensgenoss_innen muss nichts schlechtes sein. Es ist normal, zu einigen Menschen eine stärkere Verbindung als zu anderen zu verspüren. Wer fühlt sich nicht seinen Eltern mehr verpflichtet als Mitfahrer_innen im Zugsabteil? Dies kann man gut oder schlecht finden, aber die derartigen Empfindungen sind eine Tatsache.

Will man diese Emotionen nun aber auf staatliches Handeln übertragen, ist ein weiterer Schritt notwendig: Die Frage, ob die genannten Ansichten nicht nur individuelle Gefühle, sondern dem Interesse der Gemeinschaft entsprechen, müsste positiv beantwortet werden.

Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Zuallererst darf der säkulare Staat nämlich niemals die Angehörigen einer Religionsgruppe bevorzugen. Wir leben zum Glück nicht in einer christlichen Theokratie. Menschen sind prinzipiell gleichwertig, egal welchem Glauben oder Unglauben sie folgen. Zu argumentieren, dass der Schutz von Christ_innen wichtiger sei als derjenige von anderen Menschen, müsste ja implizieren, dass Erstere wertvoller sind als Letztere. Das ist absurd. In der Erklärung zum Weltethos, welche wesentlich vom christlichen Theologen Hans Küng geprägt wurde, lesen wir: „Jeder Mensch – ohne Unterschied [nach] Religion […] – besitzt eine unveräusserliche und unantastbare Würde.“

Dies bedeutet übrigens nicht, dass man alle religiösen Ideen und Vorstellungen gleichwertig finden muss (auch nicht innerhalb des Christentums). Daraus eine Bevorzugung abzuleiten, wäre aber grundfalsch.

Deshalb sollten auch Hilfsgelder nicht nur Angehörigen der eigenen Religionsgruppe zugutekommen. Hingegen ist die Kundgebung der Solidarität mit verfolgten Christ_innen tatsächlich angebracht und notwendig. Dazu gibt es jedoch andere Optionen. Open Doors zeigt dazu für Interessierte auf seiner Website einige, über das Gebet hinausgehende, Wege auf. Grundsätzlich gilt: Nicht jedes Mittel ist angebracht, eine Sache zu unterstützen. Dasjenige der religiösen Priorisierung ist es hier sicherlich nicht. Die Folgerung „Ich bin Christ, ich bin mit allen Christ_innen verbunden, Christ_innen sollen bevorzugt werden“ ist, was den letzten Schritt angeht, unreflektiert und falsch.

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