I bine Bueb vom Trueb

Wir können uns über ganz unterschiedliche Eigenschaften unserer Person definieren und uns damit identifizieren. So schaffen wir ein Gefühl des Wir mit all den anderen Menschen, die diese Eigenschaften teilen. Das kann das Talent für eine gewisse Sportart sein, eine Begeisterung für ein Team, eine Musikrichtung oder die Zugehörigkeit zu einer Religion, einer Nation oder einer sexuellen Vorliebe. Spannend ist, dass eben diese Eigenschaften unsere Persönlichkeit nie ganz fassen können und somit vielleicht gar nicht so wichtig sind. Demonstration gefällig?

Legen wir also los: Wer bin ich? Ich wurde im Emmental geboren und bin da auch aufgewachsen. Wir sagen dort lustige Dinge wie «Weesch no, eesmau het dr Büüru siner Geesä dr Hoger ueche treet, u eeni nachdr angere hetim d Scheechä ab gseeket!». Richtige Emmentaler sind stolz auf sich selbst, sagen «I bine Bueb vom Trueb» wenn sie in die Grossstadt gehen, nach Burgdorf oder gar nach Bern. Die Leute aus der Stadt sind uns dann jeweils etwas fremd. Klar, wir nutzen auch iPhones und wir kaufen unser Essen nicht mehr im Dorflädeli, seit Coop oder Migros die Lokalität aufgekauft hat und ihr eigenes Logo über die Tür gehängt hat. Diese Leute aus der Stadt (besonders die Berner, weniger noch die Burgdorfer) rennen immer etwas gestresst umher, überall sind Baustellen und Trams und Busse, und erst all die Läden. In der Stadt wird man immer gefragt, ob man noch einen Stutz übrig hätte.

Und dann dieser Typ neben mir im Zug. Kaum macht er seinen Mund auf, läuft es mir eiskalt den Rücken runter. «Näi so öpis, sonen Säich,» sagt er, auf die Regentropfen an der Scheibe deutend. Schön sprechen tun sie wirklich nicht, die Zürcher. Sie sind ganz anders als wir Berner. Die sagen «Grüezi» und wohnen an der Goldküste, fahren ein teures Auto und überhaupt, die sind vielleicht arrogant. «Jäja, das Wetter ist ziemlich mies», meine ich knapp. Immerhin spricht er nicht welsch.

Wenn allerdings die Fussballeuropameisterschaft stattfindet, so wie letzten Sommer, dann hört man gerne dem Beni zu, wie er in seinem leicht an Züridütsch erinnerndes Hochdeutsch die Spiele kommentiert. Na gut, Beni kommt aus Winterthur, aber hey, das macht auch nichts. Hopp Schwitz, bloss nicht verlieren gegen die Deutschen. Hauptsache Unentschieden.

In den Ferien in Südafrika, im youth hostel: Der Tischnachbar spricht Deutsch, eine Spanierin setzt sich zu uns. Hallo, altes Europa, schön bist du hier. Habt ihr die Briten gestern auch gehört, wie sie nachts auf dem Heimweg johlten? Die sind schon etwas speziell, aber immer noch besser als die Amis. Die eine hat mir gestern doch tatsächlich geklagt, es gäbe hier kaum guten Kaffee – nirgends sei ein Starbucks in Sicht. Und diese Japaner erst, oder Chinesen, heja, einfach halt die mit den Fotoapparaten, die man nur in der Gruppe antrifft und nie alleine, nicht mal auf der öffentlichen Toilette. Die Spanierin öffnet eine Flasche Wein aus der Heimat, wir essen irgendwas Italienisches. «I bine Bueb vom Trueb, Grüessech, dasch z Europa.»

Und man fragt sich, was geschähe, wenn Ausserirdische kämen. Keine uns böse gesinnten, sondern friedliche, uns im technologischen Wissen gar nicht so weit voraus. Vielleicht spielen sie auch Fussball. Man könnte ein Turnier veranstalten, unsere Nationalmannschaften und deren, mit Gruppenphasen und Liveübertragung und allem drum und dran. Final wäre Brasilien gegen Kronos. Beni kommentiert. Die Schweiz hat leider die Gruppenphase nicht überstanden, deshalb bin ich für die Brasilianer. Schliesslich haben wir denselben Heimatplaneten. Hopp Brasil!

Identifikation hat immer mit Abgrenzung zu tun, und ich vermute, dass wir nie ganz ohne damit auskommen werden. Wir haben das Bedürfnis, uns von anderen zu unterscheiden: «Nein, ich bin Protestant, kein Katholik. Wir sind Christen, keine Muslime. Wir sind Monotheisten, nicht so wie diese Buddhisten.» Die Abgrenzung von Anderen ist für sich genommen gar nichts Schlechtes. Wir unterscheiden uns voneinander, kulturelle Vielfalt bedeutet Reichtum. Aber vielleicht brauchen wir so ein intergalaktisches Fussballevent, damit wir uns als Menschen definieren und uns miteinander identifizieren. Zur Abwechslung, und zur Erinnerung, dass Identifikationsgrenzen flexibel sind und nicht ein Grund, einander die Köpfe einzuschlagen. Im Stadion bei diesem Finalspiel wäre ein gemeinsames Ethos aller Menschen eine Selbstverständlichkeit. Denn ich für meinen Teil bin nicht nur e Bueb vom Trueb. Ich bin auch Berner, Schweizer, Europäer. Weltenbürger.

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