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Goebbels’ Stimme hallt über die Massen, die in Reih und Glied wohlgeordnet der Brandrede ihres Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda lauschen. Wider den undeutschen Geist werden damals, 1933, Bücher verbrannt, wird in Deutschland im Namen des Volkes ‚aufgeräumt‘, während die Zuschauer euphorisch Beifall klatschen. Wenn ich über Hassreden nachdenke, sind dies erste Assoziationen. Dabei konsterniert mich die Einfachheit der Worte, die Schrecken über ganz Europa gebracht haben.

Der eine oder andere mag denken, dass so ein Vergleich mit der Nazi-Zeit vermessen und übertrieben ist. Krieg und Verfolgung in Europa sind lange her, wir leben heute in einer friedlicheren Zeit, im digitalen Zeitalter. Hassreden erfüllen heute in Deutschland den Tatbestand der Volksverhetzung. Denn der öffentliche Friede wird durch den Aufruf zum Hass gegen Teile der Bevölkerung, oder auch durch den Angriff auf deren Menschenwürde, gestört. In der Schweiz fällt ethnisch-religiöse ‚hate speech‘ wiederum sowohl unter die Antirassismusstrafnorm als auch unter die gesetzlich garantierte Glaubensfreiheit.

Was wir heute im europaweiten politischen Umfeld sehen, zeigt jedoch, dass trotz der Eindringlichkeit der historischen Ereignisse in Europa das Mittel der Hassrede wieder ‚en vogue‘ ist, und dies leider insbesondere auch im digitalen Raum. Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung sind in Ländern Europas wie Polen, Rumänien oder Ungarn in Bedrängnis geraten. Die Diskussion um EU-Flüchtlingsquoten wird zur Zerreissprobe des einstigen Friedensprojekts Europäische Union. Die Angst vor Migration und Terrorismus macht populistische Hassreden salonfähig, lässt deren Inhalte auf fruchtbaren Boden fallen.

Dabei wird ein ‚Schein-Dialog‘ aufgebaut. Es wird argumentiert, dass man ja nur ausspreche, was Millionen Menschen denken und glauben. Man stilisiert sich so als Sprachrohr des Volkes, als Person, die wirklich zuhört und bedürfnisorientiert politisiert. Dabei wird aber im Grunde nur mit Ängsten der Bevölkerung gespielt und das ‚Volk‘ so instrumentalisiert.

Im digitalen Raum, in Foren, Kommentaren oder Social Media, kann wiederum die ‚Anonymität‘ dazu führen, dass extremere Meinungen und Hass eher in Erscheinung treten. Oder sogar Algorithmen dahingehend geschrieben werden, extremere Meinungen zu fördern, wie ein Artikel zu Youtube offenbarte. Die sozialen Medien machen es möglich: Wen immer man beleidigen oder herabsetzen will, man muss ihm nicht in die Augen sehen.

Auch im digitalen Zusammenhang kommt es selten zu einem echten Dialog, zu einer fundierten Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Wichtig dabei ist gemäss Martin Buber das dialogische Prinzip:

„Dialogisches Leben ist nicht eins, in dem man viel mit Menschen zu tun hat, sondern eins, in dem man mit den Menschen, mit denen man zu tun hat, wirklich zu tun hat.“[1]

Im Informationszeitalter beobachten wir ein Phänomen: Es wird immer mehr kommuniziert, es werden immer mehr Informationen in Wort und Bild ausgetauscht, doch in einen Dialog treten wir kaum. Die grundlegenden Elemente für einen Dialog im Gegensatz zu einem Monolog, wie Zuhören, Wohlwollen, Kritikfähigkeit und Kooperationsbereitschaft, gehen verloren. Diese Aspekte eines Dialoges müssen wir heute wieder lernen, um Polemik und Dogmatismus entgegentreten zu können.

Ein erster Schritt ist es, Verantwortung zu übernehmen und die Tragweite des eigenen Handelns einzuschätzen. Als mündige Bürger haben wir Anteil am Gelingen oder Scheitern unserer sozialen Gemeinschaft. Selbstverständlich tragen wir auch dafür Verantwortung, mit wem und in welcher Form wir mit dieser Person kommunizieren wollen.

Hassreden führen zu Ausgrenzung, sie entzweien die Gesellschaft. Diese Tendenzen werden im digitalen Zeitalter durch die Möglichkeiten der Plattformen noch verstärkt, wie Prof. Peter Kruse treffend beschrieben hat:

„Die hohe Vernetzungsdichte, hohe Spontanaktivität sowie kreisende Erregungen (durch Retweets, Reblogging etc.) im Netz führen zu neuer Dynamik, zu Selbstaufschaukelung, ohne vorhersagen zu können, wo und wann dies passiert.“

Das zeigt: Die Eigendynamik unserer Kommunikationsmittel kann bewusst missbraucht werden, zum Beispiel durch den Einsatz von Twitterbots, die Hass schüren. Bot-Accounts sind kaum von echten Profilen zu unterscheiden, es sei denn, sie werden gezielt entlarvt, wie beispielsweise der Tay-Bot von Microsoft, der nach 24 Stunden vom Netz geholt werden musste, weil er Hassreden verbreitete.

Im Gegensatz zu 1933 sehen wir uns nicht nur Politikern gegenüber, die Hassreden verbreiten, sondern auch Programmen, Algorithmen, die dafür geschrieben werden, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Wichtiger denn je sind heute die Medienkompetenz sowie das Wissen um die Grundlagen für echten Dialog, um Spaltungen in unserer Gesellschaft zu verhindern.

[1] Martin Buber 1994: Das dialogische Prinzip. Lambert Schneider: Gerlingen. S. 167.

Zur Autorin Nuschin Akbarzadeh:

Als Sozialanthropologin beschäftige ich mich mit immer neuen gesellschaftspolitischen Themen und verfasse regelmässig Analysen dazu. Die langjährige Arbeit bei verschiedenen NGOs hat darüberhinaus meine Fragen zu Menschenrechten sowie Umweltfragen vertieft. Besonderes Augenmerk lege ich auf die Beschreibung von Verbindungen zwischen scheinbar unabhängigen gesellschaftlichen Phänomenen.

Zum Dialogtisch À table:

Hatespeech: Die Grenzen der freien Meinungsäusserung

Donnerstag, 29.März 2018 um 19h im Kulturpark

Weitere Infos unter:

http://www.weltethos.ch/events/a-table-4/

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