Generation ohne Gott

Irrationale Atheisten

O. hat mal angefangen, die Bibel zu lesen und dabei alle Widersprüche angestrichen, die darin zu finden waren. Nach fünfzig Seiten seien es so viele gewesen, dass er zufrieden damit aufhören konnte. O. lächelt verwegen, während er dies erzählt. Mission erfolgreich beendet.

Doch O. ist nur ein Exempel für eine Erzählung, die mir schon mehrfach zu Ohren gekommen ist. Die Jagd nach Paradoxien in religiösen Texten, besonders der Bibel, scheint für meine Generation eine beliebte Herausforderung zu sein. «Hoc est corpus» ist doch Hokuspokus! Und so gelten die gefundenen Widersprüche dann als Beweis, die Bibel und damit die Existenz Gottes widerlegt zu haben. Die eigene Logik ist schliesslich unfehlbar.

Diese Herangehensweise ist nicht unbedingt die allercleverste. Zumindest ist sie sicher nicht cleverer als die vergangenen Versuche in der Philosophie mittels der Logik zu beweisen, dass Gott existiert. Heute werden diese «Gottesbeweise» so dann auch ziemlich spöttisch rezipiert und vor solchem Spott möchte ich meine Generation gerne bewahren. Also lasst das mit dem Beweisen doch einfach bleiben. Schliesslich gibt es Erkenntnisse, die den Regeln der Logik folgen und es gibt Erkenntnisse, die tun dies nicht. Und selbst die Logik schlägt (logischerweise!) vor allem dann fehl, wenn sie auf die falschen Gegenstände angewandt wird. An die Bibel dieselben methodischen Ansprüche wie an Euklids Fundierung der Geometrie in seinen «Elementen» zu stellen, ist deshalb vergleichsweise so unklug wie Euklid vorzuwerfen, dass seine Geschichte ja gar kein Ende habe!

Bekenntnis zur Zauberei

Unvernunft gibt’s überall. Schade, wenn daraus eigene Argumente entstehen, die gegen den Anderen hervorgebracht werden. Etwas schmerzhaft ironisch, wenn dies gerade im Glauben an die Vernunft geschieht. Denn gerade aus diesem Grund haben sich so viele Menschen vom eigenen Glauben distanziert: Es schien vernünftiger; etwas weniger Hokuspokus. Doch genau dies hört man auch als Argument von Seiten der Gläubigen:

D. wollte unbedingt von mir wissen, wie ich denn (um Himmels Willen!) in dieser Welt leben könne, ohne an einen Schöpfergott zu glauben. Solange D. auch angestrengt versuchte, sich diese gottlose Welt vorzustellen, es gelang ihm nicht. Dies grenzte für ihn an Zauberei. Eine andere Begegnung war mit Frau S. Als sie von meinem Nicht-Glaubensbekenntnis las, forderte sie mich auf, nun, da ich älter und vernünftiger geworden sei, mich doch nochmals mit meiner Entscheidung auseinanderzusetzen. Es könne doch nicht sein, dass die Welt aus dem Nichts entstanden sei!

Zwar sind die Antworten ganz anders, doch das Prinzip nachdem die Antworten gegeben werden, ist in jedem Falle dasselbe: die Vernunft. Die Entscheidung nicht zu glauben bedeutet für Frau S. nicht etwa ein Verrat an Gott und Gottes Geboten, sondern ein Verrat an der eigenen Vernunft. Oder eben ein Bekenntnis zur Zauberei! Irgendwoher kommt mir diese Argumentation doch bekannt vor.

Eine vereinende Leerstelle

Erstens verteilt sich die Unvernunft unter den Menschen also ziemlich gerecht und zweitens eint vor allem die Berufung auf die Vernunft Gläubige und Nicht-Gläubige Menschen gleichermassen. Und es sind dieselben Fragen, die uns alle beschäftigen, die doch für den einen so und für den anderen so vernünftiger beantwortet scheinen.
Wohl stossen wir in solchen Fragen über den Anfang der Welt oder den Sinn des Lebens auf einen Grenzbereich, der uns so oder so mit einem Rest Unlogik zurück lässt. Eine Leerstelle, die irgendwie nicht reibungslos geschlossen werden kann. Und auf beiden Seiten fällt schwer, dies zu akzeptieren. Bauen wir auf diese Erkenntnis unser nächstes gemeinsames Gespräch.

Übrigens ist das Wort «Hokuspokus» tatsächlich aus dem Ausspruch «hoc est corpus» entstanden, als die Menschen kaum mehr Latein verstanden und die ritualisierten Gesten des Priesters mit dem übersetzten Ausspruch: «Dies ist sein Leib» anfingen wundersam zu wirken…

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