Fussball für Geflüchtete: «Die wahre Fifa, das sind wir»

In der Stadt Zürich gibt es zwei Projekte, die Fussballtrainings für Geflüchtete anbieten. Nina Seiler sprach mit Andrea Naegeli von FAFI (Football Association for Integration) und Markus John vom Verein Solidarus über ihre Projekte. Zudem erzählt Samuel Z. der seit zwei Jahren bei Solidarus mitspielt, wie er den Fussball in der Schweiz erlebt.

Wie können Fussballtrainings zur Integration beitragen, und weshalb sind solche Projekte wichtig?

AN: Es ist ein ganz pragmatischer Ansatz. Es ist ja völlig klar, was mit Leuten passiert, die nichts zu tun und eigentlich null Chancen auf Erfolg haben. Im Normalfall werden solche Menschen depressiv oder gewalttätig. Es ist wie eine Form von Beschäftigungstherapie. Wenn man berücksichtigt, welches Frustpotential diese Menschen oft mit sich tragen müssen, funktioniert das Kanalisieren durch Fussball unglaublich gut.

MJ: Zu uns kommen Leute, die sonst eigentlich immer zuunterst anfangen. Im Deutschkurs, in der Lehre, oder überhaupt bei der Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Beim Fussball ist das nicht so.

Es sollen nicht alle Profifussballer werden, es hat auch Platz für solche, die die Gemeinschaft teilen möchten, aber nicht gut Fussball spielen. Auch sie kommen immer wieder, weil man im Training für zwei Stunden vergessen kann, welche Schwierigkeiten man hat – sei es von der Flucht her oder die Mühsal, in unserer schweizerischen Alltagsgesellschaft den Weg zu finden.

Samuel, weshalb spielst du bei Solidarus Fussball? Welche Vor- oder Nachteile hat das für dich?

SZ: Vorteile hat es viele. Man kann sich integrieren, man kann verstehen, wie das Leben hier ist, vor allem auch die Sprache lernen. Wenn ich mit Schweizern und geflüchteten Menschen – so wie ich – zusammen bin, dann fühle ich mich wie zu Hause. Man hat auch die Chance, weiterzukommen und in andere Klubs aufgenommen zu werden.

«Fussball ist so erfolgreich, weil es wahnsinnig einfach und an der Basis wirklich völkerverbindend ist.» (Foto: zVg)

Wäre eine Integration in bestehende Vereine nicht nachhaltiger?

SZ: Es ist sicher einfacher, bei Solidarus anzufangen. Es kommen Trainer und sehen, dass es hier gute Spieler hat. Einige von uns spielen jetzt in der 4. Liga beim Verein Italia Zurigo. Nach der Sommerpause fange ich auch dort an.

MJ: Für Vereine ist es mühsam, wenn unklar ist, ob nicht plötzlich ein negativer Asylentscheid vorliegt. Aber offiziell kann man sogar mit einem N-Ausweis einen Spielerpass bestellen. Die andere Hürde sind aber die Kosten der Vereine. Die meisten Geflüchteten können sich einen Vereinsbeitritt ohne finanziellen Support gar nicht leisten.

Welche Sprache sprecht ihr im Training?

AN: Deutsch und Englisch. Manche können gar kein Deutsch, andere sind schon länger hier und sprechen ziemlich gut. Sie übersetzen dann für die anderen. Das Beste ist aber immer noch einfach mit- und vorzumachen. Etwa bei den Liegestützen oder Rumpfbeugen: Einige wissen nicht, wie das geht, da wird auch mal übereinander gelacht.

Und wer nimmt denn nun an den Trainings teil?

MJ: Die Werbung erfolgt meist im Schneeballprinzip über die Leute selbst. Man informiert sich: Was machst du? Das hat aber auch zur Folge, dass vor allem bestimmte Gruppen kommen: aus Tibet, Eritrea, Somalia, Syrien, Afghanistan, Iran, vereinzelt auch aus anderen Herkunftsländern. Die Mischung der Teilnehmenden variiert von Fall zu Fall. .

AN: Leider kommen aber wenige Schweizer, die als Integrationsfiguren wirken könnten, das hat noch nicht so richtig funktioniert. Ausser die Trainer, die oft auch mitspielen. Unsere Trainings sind sehr offen, es könnten auch Frauen mitspielen, was bisher zu meinem Bedauern nicht geschah. Unabhängig von uns ist aber ein Training für Mädchen entstanden.

SZ: Bei uns gab es tibetische Frauen in den Trainings, die haben dann Basketball gespielt.

MJ: Genau, wir haben einen Teil der Halle abgetrennt, und man konnte dort andere Sportarten machen. Doch Frauen kamen fast keine, was mit den verschiedenen kulturellen und sportlichen Hintergründen sowie mit den sozialen Netzwerken der Geflüchteten zusammenhängt. Wegen eines politischen Entscheids kamen auch die Tibeterinnen bald nicht mehr, denn tibetische Flüchtlinge verloren das Bleiberecht und reisten zum Teil aus. Eine Frau beispielsweise wurde dann in Indien verhaftet. Wir standen noch in Kontakt, doch es gab keine Chance etwas zu erreichen.

Mit welchen Problemen seht ihr euch konfrontiert?

AN: Ganz wichtig ist der Trainingsort. Wir müssen die Bewilligung möglichst gratis erhalten, also musst du die Schulleitung überzeugen, und es muss «geigen» mit dem Abwart. In der Wintersaison haben wir das Problem, dass zu viele Menschen in die Trainings kommen.

MJ: Die Stadt Zürich hat ein ziemlich rigoroses System in der Vergabe von Hallen und Sportplätzen. Als kleiner Verein fliegst du bald einmal raus, wenn ein grosser Verein mehr Hallen- oder Platzzeit beansprucht. Und ein Wechsel des Trainingsorts führt meist auch zu hohen Fluktuationen bei den Teilnehmenden.

AN: Manchmal kommt es zu kleinen Konflikten wegen unterschiedlichen Spielniveaus, oder zu Kopfschütteln, wenn wir die Ländergruppen auf verschiedene Teams aufteilen wollen. Wir hatten aber in den zweieinhalb Jahren noch nie eine tätliche Auseinandersetzung. Die Erfahrungen sind extrem positiv. Die wahre Fifa, das sind eigentlich wir. Fussball ist so erfolgreich, weil es wahnsinnig einfach und an der Basis wirklich völkerverbindend ist.

solidarus.ch/

www.fafi-schweiz.com/

FAFI-Trainings offen für alle: Montag und Mittwoch, 19.45 Uhr, Technische Berufsschule, Sihlquai 101, 8005 Zürich

Solidarus-Trainings: Montag, 20.30 Uhr, Sporthalle Döltschi, Döltschiweg 184, 8055 Zürich; im Sommer auch 1x pro Woche auf öffentlichen Wiesen der Stadt Zürich

Trainings für Mädchen: Samstag, 13.30 Uhr, Schulhaus Kornhaus, Limmatstrasse 176, 8005 Zürich

 

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