Die Moderatorin, Tanja Kaufmann, denkt und hört zu.
Dazu gibt's gläserner Gaumenschmaus vom Lilly-Jo.
Die Tischrunde hört Felix Roth von den Zürcher Freidenkern zu.
Tanja Kaufmann, Debora Mittner von L-Punkt, Belinda Schweizer von Weltethos Schweiz und Martin Spilker von kath.ch.
Belinda Schweizer, Martin Spilker und Ramazan Özgu vom Dialoginstitut.
Tanja Kaufmann, Debora Mittner und Ramazan Özgu im Gespräch
Das Weltethos Schweiz Team nach der Veranstaltung.

Kulturpark Zürich West, 30.Juli 2016. Die vier Gäste treffen kurz aufeinander ein und wir setzen uns bald. Thema des Abends: Es gibt Leben, die glaubt man nicht und Glauben, den lebt man nicht. Woran glauben wir, unsere Gäste? Und welche Werte braucht die Welt, die Schweiz, sind im Alltag notwendig? Und dann noch: Wo endet Glauben, beginnt Pluralität?

In der Vorstellungsrunde wählt Ramazan Özgü, der die Geschäftsstelle des Dialoginstituts leitet, das Attribut des Zürcher-Seins. Wir lachen, kennen das Klischee. Aber nicht nur deshalb ist es ein guter Einstieg in einen entspannten und gleichwohl kritischen Dialog. Denn die Frage nach Werten hängt auch eng mit jener nach der Identität eines Individuums, einer Gesellschaft ab. Oder wie Ramazan weiter ausführt: „Ich bin Zürcher, habe aber auch einen Migrationshintergrund. Mein Vater war Müllmann, ich bin ein Arbeiterkind, war aber auch Jura-Student. Ich komme aus einer konservativen Familie. Was ich auf der Suche nach meiner eigentlichen Identität finden werde ist das Mensch-Sein“. Wir sprechen über den sogenannten Putsch-Versuch in der Türkei. Und die Kluft, die sich damit auch unter türkischen Muslimen in der Schweiz aufgetan hat. Ramazan und sein Verein, sie haben wenig geschlafen, waren als liberal denkende Muslime, die sich für einen zivilen und also gegen den politischen Islam einsetzen, starken Diffamierungen ausgesetzt. Der heutige Abend, so Ramazan, wie meist im interreligiösen und interkulturellen Setting, ist für ihn Entspannung. Auch Martin Spilker, Journalist bei kath.ch, dem katholischen Medienzentrum, hat die Häme gegen Muslime auf Facebook verfolgt. Für ihn ist der interreligiöse Dialog vor allem ein westlicher, intellektueller Diskurs. Ihm fehlen unmittelbare Begegnungen, da er sich mehrheitlich im innerchristlichen und innerkirchlichen Kreis aufhält. Aber seine Rolle als Journalist sei eine Transportierende. Zu wissen, was andere denken ist wichtig, um dann diese Perspektive innerhalb des Katholizismus zu vermitteln. Zum Beispiel die banale aber trotzdem mehrheitsfähige Position, dass nicht alle Muslime Attentäter sind. Die eigene Religion sei für ihn nichts Gottgegebenes, sondern auch etwas Zufälliges. Deshalb, so Martin, überhöhe er seinen Glauben auch nicht.

„Man kann nicht aufrichtig von einem Glauben reden, wenn man andere nicht akzeptiert“.

Felix Roth, Präsident der Zürcher Sektion der Freidenker spricht in der Vorstellungsrunde lange und ausführlich. Es scheint, als ob sich Atheisten oft erklären müssten. Einen Punkt, den Felix selbst oft einbringt, ist das Vorurteil, dass aktiv Nicht-Gläubige oft als morallose Menschen angesehen werden. Für die Freidenker ein Problem, da sie sich dezidiert in die Bildungslandschaft Schweiz einschalten und für ein teaching about religion einsetzen, also einen Unterricht, der Ethik, Kultur und Religion gleichermassen vermittelt und nicht in Religion unterrichtet. Daher ist ihnen der Lehrplan 21 auch ein Dorn im Auge. Kinder, so Roth, können früh und unkompliziert an Anderes, scheinbar Fremdes heran geführt werden und sich mit ihm vertraut machen. Daher ist Ethikunterricht zentral, um auch mögliche Konfliktlinien früh aufzuzeigen, aber auch Lösungen durchzuspielen. Auf simple Weise. Es gibt nicht nur schwarz und weiss, das ganze Farbenspektrum gehört dazu, so der Freidenker. Als lesbische Frau kennt Debora Mitter das Potenzial einer frühen Sensibilisierung. Und auch durch die Betreuung eines Autisten, der in seiner Kindergartenklasse eine hohe Akzeptanz erfuhr, wenn er auch aufgrund seiner ‚Meidlischuhe‘ bisweilen ausgelacht wurde. Aber da wären wir wieder beim Thema. Die Vermittlung einer sogenannten Norm beginnt früh.

„Ist Lesbisch-Sein eine Identität? Darüber können wir endlos diskutieren“.

Sie seien ja noch so viel mehr, Migrant*Innen, Arbeit*nehmerinnen, Menschen, Geschwister usw. Aber um nach aussen auftreten zu können, wendet Martin ein, braucht es eine Gruppe, mag sie nach innen noch so divers und kontrovers sein. Nur was hält eine Gemeinschaft zusammen, wenn sie ein Spektrum von konservativ bis liberal, grün bis svp, Wort-auf-Wort-Exegese und historisch-kritische Exegese umfasst? Den Glauben an Gott? An die Vernunft und die Wissenschaft? Die freie Wahl der Liebe? Bei letzterem ist es wohl der gemeinsam Kampf für rechtliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung, also das gleiche Ziel. „Und das eine lesbische Frau nicht irgendwo alleine rumdümpeln muss, das sind für mich die zwei Gründe für Gruppen“, so Debora. Ramazan erzählt uns eindrücklich und ehrlich von seiner spannungsvollen Art der Auseinandersetzung mit Homosexualität oder der Stiefkindadoption durch homosexuelle Paare.

Es ist ein Spagat zwischen theologischem Dogmatismus, dem Ramazan sich zu verweigern versucht und dem Pragmatismus, den er für zentral hält um Konflikte lokal und in der Nachbarschaft lösen zu können, sei es die Frage nach dem Bau von Moscheen oder dem Schwimmunterricht tunesischer Buben in Schaffhausen.

„Das Bundesgericht kann keine Lösung im eigentlichen Sinne offerieren, das dürfte ich als Jurist vielleicht nicht sagen. Ein Urteil hat einen anderen Charakter, es ist eine Verordnung. Man muss vor Ort bauliche Lösungen in der Nachbarschaft oder im Fall des Schwimmunterrichts eine pädagogisch-pragmatische Lösung in der entsprechenden Schule suchen“. Es geht um Kompromissbereitschaft und das Suchen von Konsens. Und es geht um Macht und Werte. Martin Spilker hält, wie Felix Roth auch, nichts von axiomatischen Werten. Sie sind stets an eine Zeit gebunden. „Der Papst, er sagt einfach, dass Frauen keine Priesterinnen werden dürfen, das hat etwas mit Machtausübung zu tun“. „Ist Religion ein Gelehrter, der vor 1000 Jahren etwas gesagt hat?“ fragt Ramazan. Katholische Bistümer in Italien oder Deutschland, der Vatikan sowieso, hegen auch wirtschaftliche Interessen, sie wollen keine Veränderungen, weil sie ansonsten auch der Gefahr zuliefen, höhere Steuern bezahlen zu müssen. Konsens herrscht in der Runde, wenn es um die Gleichberechtigung von Frauen geht. „Frauen dürfen aus theologischer Sicht Mufti werden, theologische Gelehrte, Beraterinnen. Gleichwohl gibt es wenige. Wir haben im Verein jetzt endlich eine Präsidentin, aber das war nicht einfach“, meint Ramazan. Auch Martin wünscht sich endlich die Priesterinnenwahl. Aber eben: Werte und Macht, die gehören für den Katholiken untrennbar zusammen.
Das Ende wird eingeläutet. Martin Spilker verabschiedet sich, er hat Wochenenddienst. „Stimmt“, sagt Ramazan, „wir haben heute Mittag noch den Newsletter von kath.ch erhalten.“ Die anderen drei verweisen noch auf ihre Projekte. Queer-Migs, von Deborah Mitter mitgegründet, ist ein Treffpunkt für queere Asylsuchende und Refugees, der Ort wird geheim gehalten, denn oft ist der Leidensweg, insbesondere bei diesen Fluchtgründen, mit der Ankunft in der Schweiz noch nicht vorbei. Felix Roth erwähnt das Denkfest im Jahr 2017 und ihre jährlichen Aktionen am Tag der Menschenrechte, dem 10.Dezember. Das Dialoginstitut nimmt sich dem heiklen Thema des Radikalismus an. Die These: „Radikalismus und Islam gehören zusammen, die Dschihadisten und Islamisten berufen sich auf den Koran, die muslimische Kultur, da können wir nicht wegschauen“. Spannend, mutig.
Und was ist der Konsens des Abends: Es geht um pragmatische Lösungen, um Konfliktmanagement, um Kompromissbereitschaft, um einen minimalen gesellschaftlichen Konsens, der Frieden ermöglicht. Es geht aber auch um Machterhalt, fortlaufende Diskriminierung, wirtschaftliche Interessen, politische Diffamierung. Auch daran wird gearbeitet, auf der Mikroebene, mittels vorgestellten Projekten unserer Gäste, mittels Dialog, differenzierten Sichtweisen, der Einübung von Empathie. Es geht um das Aushalten von Widersprüchen, um Pluralität, die mehr ist als nur beliebig und geduldet.

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