Eine gute Tat der Vorvergangenheit

Kairo ist ein gefährliches Pflaster. Nicht wegen der Revolution. Auch nicht, weil man als westliche Frau gleich mit Haut und Haaren gefressen wird. Und schon gar nicht wegen Terrorismus. Nein, da gibt es ausserhalb unserer Vorurteile noch eine tatsächliche Gefahr: Das Strassenpflaster. Im riesengrossen Kairo gibt es nämlich keinen einzigen Zebrastreifen. Da guckt man erst mal ganz schön dumm aus der Wäsche.

Lektion Nummer eins: Wie überquere ich eine Strasse? Das Prinzip ist einfach. Blickkontakt mit dem Fahrer, die erste Spur überqueren und die zweite gleich mit. Stopp. Nicht rennen, sondern im Schritttempo, ganz gelassen und das Gesicht entspannen, während vor und hinter einem die Autos vorbei donnern. (Wie bei Hunden, auf keinen Fall zeigen, dass man sich vor Angst beinahe in die Hosen macht, die Autos wittern das!) Sobald die nächste Lücke kommt, go for it! In der Mitte gibt es dann Verschnauf-Inseln, die die Fahrspuren voneinander trennen, bevor es an die fünf Spuren in die andere Richtung geht.

Eigentlich hat mir das der Polizist ja schon mal beigebracht. Der kam in seiner Uniform in die Schule und ging mit uns Kindern an eine Quartierstrasse, Tempo 30, an der ohnehin kein einziges Auto kam. Man wollte schliesslich auf Nummer sicher gehen. «Wartä, luägä, losä, laufä.» Das leuchtete ein und sitzt bis heute so tief, dass ich wie gelähmt am Strassenrand stand und wartete und wartete und wartete. Bis sich jemand erbarmte, mir über die Strasse zu helfen.

Ich dachte ja immer, die gute Tat des Über die Strasse-Helfens sei ein herziger Mythos aus vorvergangener Zeit. Zum Glück war das ein Irrtum. Es gibt diese gute Tat bis heute und man kennt sie auch in Kairo. Allerdings kann ich mir seit da das Schmunzeln nicht verkneifen, wenn ich sehe, wie in der Schweiz die Leute vor dem Zebrastreifen an einer seelenleeren Strasse warten, bis die Ampel auf Grün stellt, ehe sie gehen.

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