1 Dach + 8 Religionen = Haus der Religionen in Bern

Das Eingangstor zur Stadt ist zugleich ein Tor zu einem Konglomerat verschiedener Welten. In der glänzenden Fassade des futuristisch anmutenden Gebäudes spiegeln sich farbige Stühle und Tische, die am sonst so geschäftigen Verkehrsknoten zum Verweilen und Diskutieren einladen. Diskussion ist im Haus der Religionen Programm, der «Dialogbereich» wird auf der Vereinswebsite als das «Herzstück des Hauses» bezeichnet.

Bevor das europaweit einzigartige Projekt realisiert werden konnte, zogen sich über zehn Jahre lang zähe Verhandlungen hin. «Vision» oder gar «Utopie» wurde das Vorhaben von jenen Leuten geschimpft, die nicht an seine Realisierbarkeit glaubten. Nichtsdestotrotz wurde im Juni des Jahres 2012 der Spatenstich gefeiert, drei Jahre später zogen die Religionsgemeinschaften der Hindus, Muslime, Christen, Aleviten und Buddhisten in ihr neues Zuhause ein. Am umfangreichen Programm beteiligen sich zudem die Gemeinschaften der Juden, der Bahá’í und der Sikhs. Das nun dreijährige Bestehen beweist, dass einige Visionen durchaus verwirklicht werden können.

Lärm ist nicht gleich Lärm

Wie bei jedem Zusammenleben ergeben sich auch im Haus der Religionen regelmässig Konflikte oder Unverständnis. Wenn zum Beispiel im Hindutempel Feste gefeiert werden, ist das oft sehr laut. Eine andere Gemeinschaft braucht vielleicht genau dann Ruhe und Besinnung. Ein Angehöriger der muslimischen Gemeinschaft rief erst letzte Woche bei einer Führung durch die hinduistischen Sakralräume aus, wie sich die Anwesenden überhaupt konzentrieren könnten bei diesem Lärm – in der Moschee sei während des Gebets absolute Ruhe vonnöten. Die Antwort verblüffte, führte aber zu mehr Verständnis: «Wenn es laut ist, denkst du an nichts anderes und bist mit deinen Gedanken vollständig anwesend», antwortete ein Vertreter der hinduistischen Gemeinschaft.

Bunter, gut besuchter Tempel – durchs Fischauge gesehen (Foto: Stefan Maurer).

 

Reger Austausch und Diskussion

Dieses Beispiel erzählt mir Zeinab Ahmadi, die seit zwei Jahren verantwortlich für das Ressort Bildung im Haus der Religionen ist. «Auseinandersetzungen gehören dazu, das Haus lebt von ihnen», erklärt sie. «Wichtig ist dabei, dass Meinungen innerhalb und zwischen den Gemeinschaften ausgetauscht werden und eine rege Diskussionskultur besteht.» Verschiedene Formate fördern diesen Austausch; es gibt einen Vorstand mit Vertretern aus allen Gemeinschaften, der sich sechs Mal im Jahr trifft, es finden Podiumsdiskussionen, Lesungen und Vorträge statt. Die Cafeteria und der grosse Diskussionsbereich mitten im Haus laden zudem jederzeit für alltägliche Gespräche ein. Immer neue Projekte und Veranstaltungen füllen eine reiche Agenda, an der etwa auch Berufstätige über Mittag teilhaben können, mit Qi-Gong, Kurzfilmen oder der Diskussion religiöser Texte.

Das meistbesuchte Angebot sind Führungen durch das Haus der Religionen, denn das Interesse an den einzelnen Gemeinschaften und an deren Zusammenleben untereinander ist gross. Besonders oft werden Führungen von Menschen, die im Gesundheitsbereich oder als Lehrpersonen arbeiten, gebucht, sagt Zeinab Ahmadi. Sie hat Handlungsbedarf im Angebot des Hauses erkannt und ein Projekt gestartet, das Workshops für Arbeitende im Gesundheitsbereich anbieten soll.

Fragen über Fragen

«Wie vollziehe ich eine rituelle Waschung, wenn die betroffene muslimische Person nicht mehr dazu imstande ist? Ist Organspende im Judentum erlaubt? Ziehe ich beim Hausbesuch bei einer hinduistischen Familie die Schuhe aus? Was muss ich nach dem Tod eines Muslims beachten, wie verhalte ich mich angemessen und respektvoll?» – Im Umgang mit Personen diverser religiöser und kultureller Hintergründe sehen sich Personen aus dem Gesundheitswesen schnell mit zahlreichen spezifischen Fragen konfrontiert. Unwissen führt nicht selten zu Unsicherheit und Unverständnis, und es birgt eine reiche Quelle an Fettnäpfchen. Ahmadi will mit den geplanten Workshops eine Plattform bieten für die zahlreichen Fragen, die sich etwa für Fachangestellte Gesundheit ergeben. «Es gibt zwar zahlreiche Leitfäden, die man im Internet findet und herunterladen kann. Deren Vielzahl stiftet aber oft Verwirrung, anstatt Klarheit zu schaffen», meint Ahmadi. Zudem seien solche Verhaltensrichtlinien tendenziell zu verallgemeinernd. Auch innerhalb einer Religion gebe es unterschiedliche Bräuche, Sitten oder Familientraditionen.

Zusammensein geht durch die Ohren (Foto: Stefan Maurer).

 

Mit Kulturen reden

Die beste Lösung sei deshalb, direkt eine Person mit zum Beispiel jüdischem Hintergrund nach ihren Erfahrungen fragen zu können – ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Idealerweise werde der Besuch im Haus der Religionen in einen grösseren Lernkontext eingebettet, zu einem erlebensbasierten Lernen in einer sonst eher theoretischen Wissensvermittlung. Der Gedanke, mit Menschen mit Erfahrung ins Gespräch zu kommen, «direkt» nachzufragen, bildet die Grundlage des Konzepts, auf dem die Workshops aufgebaut werden. Nicht nur über, sondern mit Kulturen reden, lautet die Devise. Gerade Pflegepersonal sei oft schon sehr multikulturell und manchmal entdeckt ein Team erst während einer Führung durchs Haus der Religionen, wie viele Ressourcen und welches Wissen bei den eigenen Arbeitskolleg*innen vorhanden sind.

Workshops im Gesundheitsbereich

Seit April dieses Jahres findet die Ausbildung der Workshop-Leitenden statt, die selber auch im Gesundheitsbereich arbeiten und mit den Fragen vertraut sind, die sich bei der Arbeit ergeben können. Neben didaktischen Methoden gehören auch kleine Sequenzen bei verschiedenen Gemeinschaften zur Grundausbildung. Im August wird mit den fertig Ausgebildeten eine Broschüre erstellt und das Angebot lanciert. Buchen lässt sich dann je ein Angebot einer Gemeinschaft, zum Beispiel «Pflege muslimischer Personen». Eine Kombination verschiedener Workshops schliesst Ahmadi nicht aus. Ist das Konzept erfolgreich, wird es voraussichtlich 2019 auf den Bildungsbereich übertragen – auch wenn es da schwieriger werden könnte, aus allen Gemeinschaften genügend Vertreter*innen zu finden.

Jede Begegnung beginnt mit einem Besuch (Foto: Stefan Maurer).

 

Labor des Zusammenlebens

Bereits heute seien zahlreiche Kollegien und Dozierende der Pädagogischen Hochschule mit dem Haus der Religionen in Kontakt. Auch im Schulunterricht ergeben sich oft sehr spezifische Fragen: «Wie gehe ich mit religiösen Feiertagen um? Muss Kopftuch im Sportunterricht erlaubt sein? Soll ein muslimisches Mädchen vom Sportunterricht ganz dispensiert werden dürfen? Müssen alle Kinder beim Weihnachtssingen dabei sein?» – Fragen, die nicht immer im Rahmen eines Studiums des Lehramts besprochen worden sind.

Die neu geplanten Workshops sind nur eines von zahlreichen Angeboten des Haus der Religionen. Das Haus gleicht einem «Labor des Zusammenlebens», es wird stetig mit neuen Formen experimentiert, um den «Dialog der Kulturen», wie es im Namen des Hauses heisst, in Wirklichkeit umzusetzen. Bei einem Besuch im Haus der Religion klar: friedliches Zusammenleben wird hier nicht nur propagiert, sondern gelebt.

Neugierig geworden? Hier geht es lang!

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