Doch einmal die Welt umarmen

Er stand vor acht Jahren in der Fussgängerzone in Heidelberg, und ich sah ihn an wie ein gestrandetes Raumschiff: den Jugendlichen, der da schweigend sein Transparent hochhielt mit der Aufschrift «Gratis Umarmungen». Die Leute, die an ihm vorbeigingen, drehten die Köpfe nach ihm um, in ihren Gesichtern Irritation, Belustigung oder beides. Gratis Umarmungen. Ein ungewöhnliches Angebot. Vielleicht eine verlorene Wette oder ein Sozialexperiment, durchgeführt für irgendeine Schulstudie?

Ich ging auf ihn zu, um zu sehen, ob er es ernst meinte. Er meinte es ernst. Ich wurde gedrückt und erfuhr, dass der erst Sechzehnjährige Anhänger der weltweiten «Free hugs»-Bewegung sei, die mit einem einzelnen jungen Mann in Australien ihren Anfang genommen hatte. Seither hat sich die Idee über die Welt verbreitet, unter anderem in die Fussgängerzone von Heidelberg. Ich war beeindruckt vom Mut des Teenagers, der da wie ein einsamer Leuchtturm stand, und von der Einfachheit und Schönheit der Idee.

Es verging einige Zeit, bevor wir dann da mit ebensolchen Plakaten standen, ich und ein Freund auf dem Bärenplatz in Bern. Jetzt waren wir die Raumschiffe. Aber die Anfangsphase, in der man sich vor den schrägen Blicken gern verstecken würde, dauert glücklicherweise nicht lange. Meistens so lange, bis jemand die erste Umarmung wagt und einem dafür das erste Lächeln schenkt. Meinen ersten Umarmer werde ich nie vergessen: Ein älteres Paar näherte sich langsam, die Frau musste ihrem Mann die Aufschrift auf dem Schild vorlesen. Darauf stiess sie ihm den Ellbogen in die Seite: «Die muesch jetzt näh!». Und während mich achtzig Jahre Lebenserfahrung in die zittrigen Arme nahmen, erklang dazu ein verschmitztes «Jetzt lebe ich zehn Jahre länger».

Lektion in Menschenkenntnis

Vielleicht lag es am Valentinstag, der gerade war, jedenfalls war die Sache ein voller Erfolg. Am Ende des Nachmittags hatten wir Ehepaare und Familien umarmt, Freundesgrüppchen sowie Einzelvertreter jeder denkbaren Subkultur und Altersgruppe. Dabei hatten wir gleich noch Gelegenheit, über unsere Klischees zu stolpern; denn mit der Einschätzung, welche Passanten unserem Angebot geneigt sein könnten und welche nicht, lagen wir erstaunlich oft daneben.

Interessant waren aber vor allem die Reaktionen. Die eine war so begeistert, dass sie uns Schokolade schenkte, der andere hielt eine Schimpftirade, da wir nicht begriffen hätten, dass Umarmungen immer gratis seien, und der nächste wiederum hatte den Sinn gar nicht verstanden und fragte am Schluss, was es denn kosten solle. Ein Obdachloser kam beim Lesen nicht über «gratis» hinaus und streckte uns erwartungsvoll die Hand entgegen. Und eine seit kurzem in der Schweiz lebende Brasilianerin begann zu weinen, weil vor kurzem ihr Bruder gestorben war und sie hier niemanden hatte, mit dem sie reden konnte. Fast jeder aber fragte, was wir eigentlich bezweckten, denn eine Zweckhaftigkeit unseres Handelns scheint fester Teil unseres Selbstverständnisses zu sein.

Nun, Free hugs sind nichts als reiner Selbstzweck. Wenn man etwas erreichen will, dann, jemandes Tag zu erheitern – und dieser Effekt ist garantiert: Wer immer die Plakataufschrift liest, läuft, selbst wenn er den Schritt beschleunigt, mit einem Grinsen weiter. Trotzdem ist es am schönsten, wenn die Aktionen mehr sind als ein kleines, surreales Intermezzo in der Alltagsroutine, wenn sie zu Fragen anregen können: Wie gestalten wir eigentlich unser Zusammenleben? Wie offen sind wir gegenüber Fremden, Anderen? Wieviel Nähe geben wir uns, und wo ziehen wir unsere Grenzen? Und: Warum bringen wir uns gegenseitig nicht viel mehr zum Lächeln?

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