Der Mann mit dem Riesenbohrer

Letzte Woche war ich beim Zahnarzt. Zahnarztbesuche mag bekanntlich niemand, so auch ich nicht. Vermutlich deshalb gibt sich mein Zahnarzt immer reichlich Mühe, besonders nett und heiter zu sein. Wir plaudern dann zusammen über Gott und die Welt, um die Angst vor dem surrenden Bohrer zu verjagen. Das heisst, eigentlich plaudert er. Denn die zig Werkzeuge und Watten und Absaugschläuche in meinem weit aufgerissenen Mund gestatten mir lediglich, irgendwie ein gequältes «mhm» aus meiner Gurgel zu glucksen. «Verreisen Sie diesen Sommer?» erkundigte er sich diesmal und gab mir sogar meinen Mund frei, um zu antworten. So sagte ich kurz, dass ich plane, nach Marokko zu fliegen. Marokko. Ich hätte besser irgendwas anderes erfunden. Was ich sagte, schien die Heiterkeit aus ihm zu vertreiben, nun äugte ein ernster Blick über der Atemschutzmaske hervor. Da sei er auch schon gewesen, vorletztes Jahr. Sei schon interessant, aber wie die dort mit den Frauen umgehen! Und während er sprach, wurden mir Absaugschlauch und Watten wieder in den Mund gestopft und der Bohrer, auf einmal mächtiger und bedrohlicher als zuvor, näherte sich meinem Gesicht. «Die eigenen Frauen Zuhause einsperren und dann aber die Hintern der Touristinnen begrapschen!» Genauso sei seiner Partnerin das passiert. Der Bohrer dröhnte. Die Touristinnen seien sowieso nur Frischfleisch für die Männer dort! So entrüstete er sich weiter und ich schluckte meinen Ärger so gut ich konnte runter, hielt brav still. Jemandem, der gerade mit einem Riesenbohrer bewaffnet in meinem Mund herum pflügt, wagte ich nicht zu widersprechen. Da lag ich also, auf diesen Zahnarztstuhl geknebelt, und hörte mir von der Stimme, die hinter der Atemschutzmaske hervordrang, eine ermahnende Rede über die Stellung der Frau im Islam an. Dazu das Surren des Bohrers als theatralischer Soundtrack. Als er mit der Tortur endlich fertig war und mich von den fesselnden Schläuchen und Watten befreite, hielt ich weiterhin brav meinen Mund und verabschiedete mich.

Ich zögere, ob das richtig war. Ich hätte ihm sagen können, dass ich diese Erfahrung nicht teilte, hätte mich um Differenzierung bemühen können oder ihm schlicht meine Missbilligung kundtun, ja das hätte ich wahrscheinlich tun sollen. Aber ist ein Zahnarztbesuch der Raum und Ort, sich um interreligiöse Toleranz zu bemühen? Und kann man jemandem, der im nächsten Jahr wieder mit einem Riesenbohrer bewaffnet im eigenen Mund herum pflügen wird, wirklich widersprechen? Zahnarztbesuche sind ja auch so schon gruselig genug.

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