Das «Yijing»: Der Kosmos in Strichbildern

Mit dem Buch der Wandlungen bin ich bereits seit meiner frühen Kindheit vertraut. Mein Vater, der 1999 eine Schule für das Studium des Yijing gründete, war bereits zu dieser Zeit intensiv mit dem Yijing und der antiken chinesischen Philosophie beschäftigt. Meine Mutter sagte mir, dass ich bereits in meiner Kindheit, als ich das Schreiben noch nicht erlernt hatte, Freude daran hatte mit Buntstiften in dem Yijing rumzukritzeln.

Es wundert kaum, dass das Werk, von dem ich in meinem späteren philosophischen Weg dann am meisten angetan war, das «Yijing» bildete. In Europa ist es seit der Übersetzung des Jesuitenmissionars Richard Wilhelm als das «Buch der Wandlungen» bekannt. Mit seinen 64 Strichbildern kann das «Yijing» vielleicht als das kurioseste Buch der Weltliteratur betrachtet werden. Dabei zählt es zu den ältesten und auch wirkmächtigsten literarischen Zeugnissen der antiken chinesischen Kultur. Das «Buch der Wandlungen» gehört neben dem «Buch der Lieder», dem «Buch der Urkunden», dem «Buch der Riten» und den Frühlings- und Herbst-Annalen zu den fünf Klassikern der chinesischen Literatur. Ursprünglich stammt es aus der Divinationskunst und diente als Medium der Befragung der Ahnen- und Naturgeister. Erst mit der Zeit hat sich das «Yijing» zu einer Quelle für kosmologisches und politisch-ethisches Denken entwickelt und wurden seine Strichkompositionen als eine Abbildung des Zusammenwirkens von Himmel und Erde, das heisst des Kosmos, betrachtet.

Geschichten des Gleich- und Ungleichgewichts

Die Strichbilder des «Yijing» haben ganz bestimmte Namen und sind mit einem Spruchwerk versehen, das teilweise auf einer mündlich tradierten Dichtung und teilweise auf altem mythologischem Erzählgut basiert. So werden in den Strichbildern und Sprüchen des «Yijing» vor allen Dingen Geschichten erzählt: Geschichten der Entstehung des Kosmos, seines Gleich- und seines Ungleichgewichtes. Verantwortlich für das Gleichgewicht des Kosmos sind die Naturkräfte und ihre mannigfachen Begegnungsformen: Himmel und Erde, Donner, Wind, Feuer, Wasser, Berg und See. Die Geschichten, die das «Yijing» erzählt, sind auf diese Weise unmittelbar der Natur entnommen: Es sind lebendige Geschichten, die nicht nur das Leben der Menschen in der klassischen Zeit bestimmt haben, sondern auch uns heutige Menschen, sofern auch wir noch immer Teil des natürlichen Geschehens der Wandlungen des Kosmos sind.

Beständiges Ineinander-Übergehen

Das «Yijing» bindet den Menschen in das lebendige Geschehen der Natur, das zyklische Werden und Vergehen, die Rhythmen und Jahreszeiten ein. Aus Sicht der antiken chinesischen Philosophie bildet der Mensch die Mitte zwischen Himmel und Erde und ist damit Teil der Ordnung der Natur. Das «Yijing» öffnet den Blick für diese Ordnung: für seine Schönheit, seine Vielfalt und seine Tiefe. Dabei ist diese Ordnung ein stets neues Gefüge, das sich wandelt und bewegt – ebenso wie die Strichbilder sich wandeln und beständig ineinander übergehen. Kurios ist das «Yijing» also gerade auch im Hinblick auf seinen Wandlungscharakter. Befragt man es wie ein Orakel, so gibt es stets neue Antworten, lässt stets neue Bilder erblicken und fügt das Ganze auf eine stets neue, faszinierende Weise zusammen.

Dabei ist der Betrachter selbst Teil dieses Geschehens, er steht ihm nicht fremd gegenüber, sondern wird hineingenommen in den Prozess der sich entfaltenden Wandlungen. Bald wird er sich gewahr, dass sich die Wandlungen durch ihn hindurch vollziehen, in den verschiedenen Stadien seines Lebens, aber auch in jeder alltäglichen Lebenssituation, in den kleinen Dingen, die aufleuchten, wenn wir sie zurückversetzen in den lebendigen Zusammenhang des Ganzen.

Naturvorgänge erzählen Bilder

Nach dem «Yijing» erzählt uns jedes Naturereignis eine Geschichte: Befinden sich Wolken am Himmel (wie im Zeichen «Xu»), so harren die Wesen vor dem noch herabfallenden Regen aus. Wenn Donner und Wasser im Zeichen «Jie» aufeinandertreffen, bringen sie Lösung mit sich und lassen die Keimlinge vielfacher fruchtbringender Pflanzen, Kräuter und Bäume durch die Erde hervorbrechen und sich öffnen. Wenn im Zeichen «Huan» der Wind über das Wasser streicht, entsteht das Bild einer breiten Strömung. Die Weisheit des «Yijing» stammt aus diesen den Naturvorgängen entnommenen narrativen Bildern, die immer neue Perspektive auf das Einfache eröffnen und den Menschen hineinnehmen in diesen bewegten Kosmos.

Das «Yijing» bildete von Anbeginn den Impuls für meine philosophische Neugier, für das selbstreflexive Spiel mit den Gedanken, Bildern und Gefühlen. Es war mir stets ein Begleiter auf dem langen Weg der Selbstentdeckung und der Selbsterkenntnis. Durch es lernte ich die Welt auf eine besondere Weise zu sehen: Als ein sich wandelndes, lebendiges und bewegtes Ganzes, dessen Tiefen nicht auszuloten sind, die uns jedoch einladen sich darauf einzulassen mit Offenheit, Freude und einer Haltung der Achtsamkeit, Sensibilität und des Verständnisses – Werte, die wir aufgefordert sind, stets auf eine neue Weise in uns zu kultivieren.

 

Zur Autorin
Sarah Eichner promoviert über antike chinesische Philosophie mit Schwerpunkt auf dem «Yijing», dem «Buch der Wandlungen». Sie versteht sich selbst als ein freischaffender und -denkender Mensch mit Verantwortung.

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