Das Wandern ist des Müllers Lust

Das CS-Sorgenbarometer 2017 zeigte zwar, dass das Thema „Flüchtlinge/Asyl“ bei der Schweizer Bevölkerung seit 2015 bereits wieder an Dringlichkeit verloren hat. Nichtsdestotrotz ist krisenbedingte Immigration eine Angelegenheit, die uns Schweizer*innen sicher in absehbarer Zeit wieder stärker beschäftigen wird. Schliesslich ist es müssig zu glauben, dass die andauernden kriegerischen Handlungen auf der Welt, aber auch der demografische und klimatische Wandel ohne Folgen bleiben werden.

„Migration“ – das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Wanderung“ oder „Umzug“. Auch wenn der Ausdruck in der heutigen Zeit eher negativ behaftet ist: Migration  spielte in der Geschichte der Menschheit schon immer eine wichtige Rolle. Ja, bis vor ungefähr 10‘000 Jahren gehörten gar alle Menschen umherziehenden Gemeinschaften ohne festen Wohnsitz an.
Nicht immer sind die Ursachen für Völkerbewegungen Krieg oder unhaltbare Zustände in einem Land. Wie Kleinkinder, die der Welt noch offen gegenüberstehen, waren viele unserer Vorfahr*innen von einer gewissen Neophilie, also einer Liebe für das Neue getrieben. Es gab ja lange keine Medien, die den Menschen vorgaukeln konnten, dass sie sogar die entlegensten Winkel der Erde kennen – ohne jemals vor Ort gewesen zu sein.

Neben der Abenteuerlust waren auch landwirtschaftliche Faktoren ausschlaggebend für Migration. So kam es beispielsweise vor, dass Viehhüter*innen loszogen, um besseres Weideland für ihre Tiere zu finden. Oder der Trieb, fremde Regionen zu erkunden, ging Hand in Hand mit imperialistischen Besitz- und Machtansprüchen.

Neben der Neophilie ist aber auch die Neophobie, das heisst die Angst vor Unbekanntem und Fremdem, Teil unserer Geschichte. Genauso wie die Xenophobie5, also die Fremdenfeindlichkeit. Interessanterweise beinhaltet der Begriff „Xenophobie“, der in der deutschen Entsprechung eher etwas Aggressives, Feindseliges hat, den Wortteil „Furcht“. Was zuerst wie ein Widerspruch scheint, leuchtet unter folgendem Gesichtspunkt trotzdem ein: Aggression ist ein in Tieren und Menschen verankertes Verhaltensmuster zur Verteidigung. Verteidigen muss sich nur, wer sich bedroht fühlt – und bedroht fühlt sich nur, wer um etwas fürchten muss. Sei dieses Etwas nun das eigene Leben, die Freiheit, der Job oder die physische oder psychische Integrität.

Neophobie ist die Angst vor Neuem und Unbekanntem, Neophilie hingegen steht für Neugier.

Angst hat natürlich durchaus eine wichtige Funktion. So sagt sie uns beispielsweise, dass das Neue und Fremde etwas ist, das wir noch nicht richtig einschätzen können. Vielleicht bringt die Veränderung ja unser gesamtes bisheriges Leben durcheinander. Oder die neue Situation birgt sogar Gefahren, die eine Bedrohung für unsere Lebensgrundlage darstellen. So hätten beispielsweise die Ureinwohner*innen Amerikas, die von den – erst irrtümlicherweise für Götter gehaltenen – europäischen Seefahrern ausgebeutet und an Leib und Leben bedroht wurden, sicher gut daran getan, den Eindringlingen gleich von Beginn weg zu misstrauen.

Der Verlust der Neugier

Überwiegt in den ersten Lebensjahren bei den meisten Menschen die Neugier, scheint sich das Verhältnis Neugier Angst mit dem Alter bei vielen eher ins Gegenteil zu verkehren. Vielleicht, weil man im Laufe der Zeit schlechte Erfahrungen mit etwas oder jemandem gemacht hat. Oder auch nur, weil die Umwelt immer wieder ein negatives Bild von gewissen Dingen oder Personen zeichnet. Natürlich haben auch Medien mit ihren Darstellungen starken Einfluss darauf, wie die Gesellschaft bestimmte Themen und Ereignisse wahrnimmt.

Das Satire-Magazin „Der Postillon“ bringt die Situation mit dem Artikel „IS bedankt sich bei Medien für Hilfe bei Verbreitung von Angst und Schrecken“ auf den Punkt. Das Fremde, das bei vielen Menschen per se schon Ängste schürt, wird durch die extrem negative und einseitige Berichterstattung zusätzlich in ein Gewand des Bedrohlichen gekleidet. Durch die Zunahme von Misstrauen und Angst wiederum zementieren sich Ansichten, die sich durch neue, positive Erfahrungen relativieren liessen.

Mässige Furcht ist gut, übertriebene schlecht.

I Ging, chinesisches Weisheitsbuch

Leidtragende der negativen Berichterstattung und unserer menschlichen Urängste sind unter anderem die Flüchtlinge. Denn das Wandern mag zwar sprichwörtlich des Müllers Lust sein –  Maliks Lust ist es ganz und gar nicht. Für Flüchtlinge ist die Migration eine Frage von Leben und Tod. Trotzdem sehen sie sich auf der Suche nach Sicherheit und einem neuen Zuhause nur allzu oft mit Ablehnung, Misstrauen oder gar Hass konfrontiert.

Dabei hat die „HuffPost Deutschland“ beispielsweise herausgefunden, dass die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen auf dem internationalen Markt dank der Zuwanderung von Fachkräften steigt. Und nicht nur das, es hat sich auch herausgestellt, dass Zuwanderung sogar den Wohlstand vergrössert. Das zeigt doch, dass sich unsere Situation also auch deutlich verbessern kann, wenn wir uns dem Neuen gegenüber öffnen.

„Wer vor Neuem Angst hat, bleibt immer hinter seinen Möglichkeiten zurück.“

Ernst Ferstl, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker

Wir sind alle Teil der Weltbevölkerung

Es ist sicher so, dass Neugier uns die eine oder andere schmerzhafte Erfahrung beschert – denken wir nur an das Kind, das die heisse Herdplatte berührt. Dafür macht sie uns auch lebendig und flüstert uns Geschichten von ungeahntem Glück ins Ohr.

So ist es meiner Meinung nach langsam an der Zeit, zu erkennen, dass wir alle Teil der Weltbevölkerung und somit miteinander verbunden sind. Es ist Zeit, zu realisieren, dass die Angst uns zwar schützen will, uns manchmal aber auch einfach nur gefangen hält – und andere sogar das Leben kosten kann.

Ein Gedanke zum Schluss: Wenn wir wüssten, dass alle Erdenbewohner*innen nach den Werten Menschlichkeit, Gegenseitigkeit, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Gleichberechtigung lebten, könnten wir uns vertrauensvoll fallen lassen. Auch wenn es idealistisch klingt:

Tragen wir unseren Teil zu einer besseren, angstfreieren Welt bei, indem wir diese Prinzipien verinnerlichen und sie anderen vorleben, so gut es uns eben möglich ist!

Zur Autorin:

Stefanie Egli hat den Bachelor in Publizistik mit Nebenfach Filmwissenschaft an der Universität Zürich abgeschlossen. Sie geht den Dingen gerne auf den Grund und ist davon überzeugt, dass viele Probleme nur bestehen bleiben, weil Menschen auf ihrer eigenen Sichtweise beharren und sich nicht austauschen. Aus diesem Grund freut sie sich über die Möglichkeit, mit ihren Blogbeiträgen in den Dialog rund um universelle, verbindende ethische Werte einzutreten und sich den Ansichten und Gedanken von Menschen mit unterschiedlichstem kulturellen sowie religiösen Hintergrund zu öffnen.

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