#ChanceDialog: Stefanie und Erick

Gelebter Dialog war an diesem Abend auch das Essen, das wir teilten. Erick hatte honduranisch gekocht: Wunderbare, frische, bunte Küche. Stefanie und Erick hatten mir nicht nur ihre Zeit geschenkt, mir vertraut als sie ihre Geschichte erzählten sondern auch selbstverständlich zu diesem tollen Essen in ihrem Zuhause eingeladen. Die kleine Tochter griff beherzt zu und wir tauchten ein in eine Welt, in der die Schweiz und Honduras harmonisch, aber mit Stolpersteinen von aussen, zusammentrafen.

Zufällig hatten sie sich in einer Bar kennengelernt, erzählen mir Stefanie und Erick. Nachdem sie sich gesehen, gefallen und angesprochen hatten, machte sie ihm als erstes klar, dass sie keine Frau nur für eine Nacht sei. Stefanie war vorsichtig. Erick von Anfang an ehrlich, ging in die Offensive und erzählte ihr seine Geschichte. Über sein Leben in der Schweiz und die fehlenden Chancen und Papiere. Sie tauschten Nummern, wurden Freunde, dann ein Liebespaar. Hatten sich nicht gesucht aber gefunden.
Bis zur Hochzeit auf dem Berner Hausberg, typisch schweizerisch im Juni bei Regen und gefühlten 10 Grad, war es ein steiniger Weg. Stefanie war in der Schweiz, lange Zeit ohne zu wissen, ob ihr Mann zurückkommen kann, der Verdacht einer Scheinehe irgendwann verworfen und ihnen erlaubt würde, ein gemeinsames Leben zu führen. Die junge Frau aus dem Emmental und der Honduraner setzten sich durch, gaben nicht auf. Heute sitzen sie gemeinsam im Wohnzimmer, am Boden spielt ihre kleine Tochter, beide haben Arbeit und konnten heiraten. Er kocht leidenschaftlich gerne, guckt und spielt gerne Fussball oder singt seine Tochter in den Schlaf. Sie will eine Weiterbildung machen, ist eine moderne, liebende, arbeitstätige Mutter, will vielleicht irgendwann nach Spanien, einfach den Weg mit Erick gehen.
Nicht immer ist es einfach, erzählen sie. Spontane Polizeikontrollen, Diskriminierung und zahlreiche Hürden des Systems, aber auch der blanke Rassismus vieler Schweizer*innen, machen ihnen immer wieder zu schaffen. Gewisse ihrer Freunde und Bekannten hatten sich von ihnen abgewandt, Stefanie wurde gewarnt, „diesen Typen“ nicht zu heiraten, mit der abfälligen Bemerkung, er wolle eh nur Papiere. Es tat weh zu sehen, dass sich die meisten einen anderen Mann für sie wünschten und nicht, dass sie ganz einfach glücklich sei. Sie wurde als naiv und blauäugig bezeichnet, verletzt und doch immer wieder durch den Glauben an ihre Liebe bestärkt.

„Meinen Kopf habe ich ausgeschaltet, nur noch auf mein Herz gehört.“

Das schöne für sie war, in Ericks Umfeld gleichzeitig das genaue Gegenteil zu erleben. Die Menschen mussten nichts mehr über Stefanie wissen, als dass sie die Frau ist, die Erick glücklich macht. Erick lacht beim Gedanken daran, dass ihm irgendein Papier auf dieser Welt mehr Wert sein könnte als sein Glück mit Stefanie und seiner kleinen Familie. Absurd erscheint ihm diese Idee und doch sah und sieht er sich ständig mit diesem Vorurteil konfrontiert. Es mache ihn nicht wütend sagt er, vielmehr traurig. Sehr traurig. Besonders, dass solche Negativität immer von Menschen komme, die ihn gar nicht kennen und auch nicht kennenlernen wollen. Gleichzeitig könne man dies aber auch nicht ändern, schliesst er die bedrückende Erzählung.
Der Winter gefällt ihm nicht, mache ihn gar immer wieder depressiv. Ein Gefühl, dass ich sehr gut nachvollziehen kann. Nicht aber habe ich wie Erick immer wieder Heimweh, bin hier und nun auch in der eigenen Heimat fremd. Erick würde so gerne mehr beitragen und erreichen können in der Schweiz. Er arbeitet, spielt im Verein Fussball und ist liebender Vater. Er will keine Geschenke, er will sich wie jeder andere Mensch selbst verwirklichen, sich sein Leben selbst erarbeiten. Doch unsere Gesetzte und Vorurteile vereiteln oftmals, dass tatsächliche Integration möglich ist. Wir grenzen lieber aus als unsere Gäste und Mitmenschen in die Arme zu schliessen. So wie mich die kleine Familie an diesem Abend willkommen geheissen hat, selbstverständlich. So selbstverständlich und herzlich sollten wir alle Menschen willkommen heissen.

Etwas, was sich die beiden immer von ihren Mitmenschen, ihrem Land gewünscht haben, ist, dass der Mensch mehr in den Mittelpunkt gestellt wird. Bei der Arbeit, im Freundeskreis aber auch im öffentlichen Leben. Oftmals sähen wir nur das Schlechte, was die Leute falsch machen und nicht können. Erick und Stefanie sind aber sicher, wenn wir etwas menschlicher wären, jeder eine Chance bekommen würde, wir das Gute im Menschen und all ihre Talente sehen würden, dieses Land sicher ein Stückchen weiter wäre.
Ich war beeindruckt von diesem jungen, starken Paar. Besonders über all die Hoffnung, Gutmütigkeit und Offenheit, welche sie sich trotz aller Hindernisse und Anfeindungen bewahrt haben. Das Schönste, was aus ihrer Liebe entstehen konnte, ist ihre kleine Tochter. Sie ist gelebter Dialog, das Resultat einer Liebe, die stärker ist als alle Widerstände und über Grenzen hinausgeht. Lebendige Spuren der interkulturellen, interreligiösen Schweiz. Als ich sie abschliessend fragte, was sie sich in Zukunft für ihre Tochter wünschen, antworteten sie bestimmt: „Dass sie glücklich ist, hier in ihrem Land, ihrer Heimat.“
Nach dieser Begegnung fühlte ich mich bereichert und habe die Schweiz wieder ein Stückchen besser kennengelernt. Das ist meine Schweiz, unsere Schweiz.

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