Die Regenbogenfahne steht als internationales Symbol der LGBT-Bewegung für Vielfalt und Akzeptanz
Das Organisationsteam von Queer Migs
Übersichtskarte zur weltweiten Gesetzeslage in Bezug auf sexuelle Orientierung
Die Autorin Debora Mittner

Als Teil der HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich) schaffen Queer Migs einen Raum für LGBT (lesbian, gay, bisexual, trans*gender) Migrant*innen in Zürich. Auch Personen, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung aus ihrem Herkunftsland in die Schweiz geflohen sind, finden hier einen sicheren Ort der Begegnung.

Christopher Street, New York City am 28. Juni 1969. Ein spontaner Aufstand von LGBT-Personen, darunter viele People of Color, gegen Polizeigewalt und Unterdrückung gilt als Geburtsstunde der politischen LGBT-Bewegung. Im Gedenken an das historische Ereignis finden in den meisten Grossstädten jährlich im Sommer Grossdemonstrationen und Protestmärsche unter dem Titel «Cristopher Street Day» (CSD) statt. Auch in der Stadt Zürich gibt es eine solche Veranstaltung, die vor einigen Jahren in «Zurich Pride Festival» umbenannt wurde. Dieses Jahr stand das Festival unter dem Motto «no fear to be you», mit der Forderung nach Sicherheit für LGBT-Flüchtlinge.
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LGBT was?? – Buchstabensuppe für Anfänger*innen
Während die Abkürzung für Insider längst zum Grundwortschatz gehört, bedarf sie doch immer wieder einer Erklärung. LGBT steht für die englischen Begriffe lesbian, gay, bisexual und trans*gender. Die vielen Buchstaben sind nötig, weil es sich dabei keineswegs um eine homogene Personengruppe handelt. Während sich das L, G und B auf die sexuelle Orientierung beziehen, hat der Begriff trans*gender mit der davon unabhängigen Geschlechtsidentität zu tun. Für Trans*personen stimmt das ihnen bei Geburt zugewiesene Geschlecht nicht mit der eigenen Wahrnehmung überein. Trans*personen können Männer*, Frauen* oder weder noch sein, jede sexuelle Orientierung besitzen und gleichen ihr Auftreten und ihren Körper in verschiedenen Graden an das sozial gelebte Geschlecht an.

Um die Mischung noch etwas bunter zu machen und der tatsächlichen Vielfalt Rechnung zu tragen, werden die Buchstaben L, G, B, T je nach Kontext unterschiedlich kombiniert oder um weitere ergänzt, beispielsweise I für Intersex (Personen, deren biologisches Geschlecht nicht eindeutig männlich oder weiblich ist) oder A für asexuell (Personen, die wenig bis keine sexuelle Anziehung verspüren). Während die Öffentlichkeit immer noch mit den Buchstaben hadert, hat sich inzwischen auch die Bezeichnung queer (engl. «sonderbar», «verdächtig») etabliert. Als inklusiver Sammelbegriff wird er von den verschiedensten Menschen gebraucht, deren Körper, Empfinden und/oder Selbstverständnis von der heterosexuellen, zweigeschlechtlichen Norm abweicht. Der ursprünglich abwertende Begriff hat durch die Selbstidentifikation eine neue, positive Bedeutung erhalten. Wer alles richtig machen will, fügt an das immer längere Akronym einfach noch den Buchstaben Q hinzu, stellt vorsichtshalber noch ein Pluszeichen hintenan und erhält somit: LGBTIAQ+. Alles klar!?
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Homo- und trans*phobe Gewalt als Asylgrund
Wozu eigentlich das ganze Gerede um die vielen Buchstaben? Wir leben im 21. Jahrhundert, alle sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten sind gleichberechtigt und erkannt. Gerade in der Anonymität des Internets liest man immer wieder den folgenden Kommentar in verschiedenen Variationen: «Stellt euch nicht so an, wir Normalen machen ja auch nicht so ein Aufhebens um unsere Sexualität!» – Abgesehen davon, dass es gar nicht so einfach ist, «normal» zu definieren, ist die Gleichstellung von LGBTI-Personen noch lange nicht Realität. LGBTI-Personen kämpfen weltweit um fundamentale Rechte, an manchen Orten sogar um ihr Leben.

Der internationale LGBTI-Verband ILGA veröffentlicht jährlich eine Weltkarte, auf der die aktuelle Gesetzeslage in Bezug auf sexuelle Orientierung in den verschiedenen Staaten aufgezeigt wird. Die Legende reicht von einer teilweisen oder vollständigen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften (hell-/dunkelgrün) und expliziten Gesetzen zum Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung (blau) bis hin zu mehrjährigen Gefängnisstrafen (hellrot) und in einigen Ländern sogar der Todesstrafe (dunkelrot) für sexuelle Handlungen mit gleichgeschlechtlichen Partnern.

In einem Vortrag anlässlich des internationalen Menschenrechtstags am 10. Dezember 2016 an der Universität Zürich kritisierte Elizabeth O’Casey, UN-Menschenrechtsdelegierte der IHEU (International Humanist and Ethical Union), dass Kultur und Religion in vielen Gesellschaften missbraucht werden, um die Gewalt an LGBTI-Personen und Frauen* allgemein zu rechtfertigen. So stehen Zwangsehen, Vergewaltigungen und andere Formen von Gewalt an Frauen* und sexuellen Minderheiten in vielen Ländern der Welt an der Tagesordnung, ohne rechtliche Konsequenzen für die Täter nach sich zu ziehen.

In den vergangenen Wochen wurde in den Medien bekannt, dass Schwule – oder Männer*, die dafür gehalten werden – in Tschetschenien staatlich verfolgt, verschleppt und gefoltert werden. Ramzan Kadyrow, Präsident der autonomen Teilrepublik, wies die Vorfälle zunächst mit der fadenscheinigen Begründung zurück, es gäbe keine Homosexuellen in seinem Land. Unter dem Druck internationaler Proteste hat Russland nun eine Untersuchung der Vorfälle eingeleitet, der russische Präsident Wladimir Putin hält jedoch an der Behauptung fest, es gäbe keine Gewalt gegen Homosexuelle in seinem Land. Keine allzu glaubwürdige Beteuerung, wenn man bedenkt, dass es unter seiner Regierung illegal wurde, das Wort «homosexuell» in der Öffentlichkeit zu nennen. In Zwischenzeit hat Frankreich erste Geflüchtete aus Tschetschenien aufgenommen.

Wie ist die Situation in der Schweiz?
Doch wir brauchen nicht einmal ins Ausland zu blicken, um gesetzliche Diskriminierungen bis hin zu groben Menschenrechtsverletzungen von LGBTI-Personen zu finden. Das Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare in der Schweiz wird eingeschränkt, sobald sie ihre Partnerschaft eintragen lassen. Dies führt zur paradoxen Situation, dass ich als Einzelperson ein fremdes Kind adoptieren darf, dieses Recht aber verliere, wenn meine Partnerin und ich heiraten – pardon, unsere Partnerschaft eintragen lassen. Auch die unterschiedliche Bezeichnung der gleichgeschlechtlichen und heterosexuellen Ehe stellt eine Diskriminierung dar. Diese kann negative Konsequenzen für gleichgeschlechtliche Paare haben, wenn die Partner*innen beispielsweise in Anträgen und Formularen durch die Angabe des Personenstands ihre sexuelle Orientierung preisgeben.

Trans*personen werden hierzulande in vielen Fällen gezwungen, sich sterilisieren zu lassen, bevor eine Änderung des Geschlechts im Personenstand vorgenommen wird. Was hat das formaljuristische Geschlecht mit der sexuellen Reproduktionsfähigkeit zu tun? Genau, rein gar nichts. Eine wohl noch grobere Verletzung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit wiederfährt Kindern, die mit nicht eindeutig männlichen oder weiblichen Genitalien geboren werden. Schätzungen zufolge kommt Intersexualität (auch in subtileren Formen) bei bis zu 1% der Gesamtbevölkerung vor. Um deren Körper an die vorherrschende Geschlechternorm anzupassen, wird ihnen von den behandelnden Ärzt*innen mehr oder weniger willkürlich ein Geschlecht zugeordnet. In vielen Fällen werden Operationen und Hormonbehandlungen ohne medizinische Notwendigkeit vorgenommen. Das entstehende Leid für die Betroffenen, die sich erst Jahre später dagegen wehren können, ist unermesslich.

LGBT-Migrant*innen in Zürich
Es gibt eine Vielzahl an Organisationen in der Schweiz, die sich für Gleichberechtigung und gegen Gewalt an LGBT-Personen einsetzen. Auch sozialer Anschluss und gegenseitige Unterstützung sind wichtige Funktionen solcher Institutionen, wie die zahlreichen Freizeitaktivitäten und Gesprächsgruppen belegen. Jedoch herrscht dort in der Regel die gängige Landessprache, sprich: Mundart, vor. Ausländische Personen, die nur Englisch oder Hochdeutsch verstehen, finden aufgrund der hohen Sprachbarriere oftmals nur erschwert den Einstieg in die lokale Community. Dabei machen sie eine keineswegs geringe Anzahl aus. Besonders die LGBT-Hochburg Zürich vereinigt mit ihrer internationalen Einwohnerschaft eine grosse Vielfalt an Sprachen und Kulturen auf relativ geringem Raum.

Das Integrationsprojekt Queer Migs (Queer Migrants in Zurich) nimmt den Bedarf internationaler Migrant*innen nach einem niederschwelligen Angebot wahr. Aktuell wird die Gruppe von einem italienisch-deutschen Organisationsteam, bestehend aus Debora, Riccardo und Chiara geleitet. Queer Migs organisieren seit 2013 verschiedene Aktivitäten in einer offenen und partizipativen Form. Beispielsweise trifft sie sich etwa einmal im Monat zum «Queer & Beer» in wechselnden Kneipen in Zürich, so lernen Neuangekommene schon einmal verschiedene Ecken der Stadt kennen. Hin und wieder finden auch Filmabende oder sportliche Aktivitäten statt, und noch Vieles ist möglich. An den Events von Queer Migs sind alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung willkommen, teilzunehmen und diese mitzugestalten.
Aufgrund der steigenden Nachfrage nach einem Angebot für geflüchtete LGBT-Personen organisieren Queer Migs seit November 2015 ein Welcome Café for Queer Refugees. Das Café wird in enger Zusammenarbeit mit dem Focus Refugees Programm von Queer Amnesty (dem LGBT-Arbeitskreis von Amnesty International) organisiert. Es richtet sich vordergründig an Personen, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung verfolgt wurden und aus ihrem Herkunftsland in die Schweiz geflüchtet sind. Und es wird rege genutzt. Die Gäste sind in Durchgangszentren und Asylunterkünften über die ganze Schweiz verteilt untergebracht, wo sie ihre wahre Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung in der Regel zu ihrem eigenen Schutz verborgen halten. Oftmals sind sie die einzigen LGBT-Personen in ihrer Unterkunft und leben in sozialer Isolation. Das Welcome Café bietet ihnen einen Treffpunkt zum Austausch und gegenseitiger Unterstützung in einer sicheren Umgebung.

Ein wichtiges Anliegen von Queer Migs ist es, den interkulturellen Dialog und das Sprachenlernen zu fördern. Auf der Website queermigs.ch können sich Interessierte registrieren, um Sprachtandems zu bilden. Auf diese Weise konnte Queer Migs bisher 20 Partnerschaften vermitteln. Vor allem Personen mit Muttersprache Deutsch oder Schweizerdeutsch werden immer gesucht. Einzige Voraussetzung, um bei Queer Migs mitzumachen, ist eine offene und akzeptierende Haltung gegenüber verschiedenen Kulturen und Weltanschauungen – bei gleichzeitiger Abwesenheit von Gewalt und Diskriminierung aufgrund der Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung. Denn auch innerhalb der Szene können LGBT-Personen Rassismus und Vorurteilen ausgesetzt sein.

Trotz mancher Widerstände und gelegentlicher Rückschläge setzen sich Queer Migs weiterhin mit viel Engagement für gegenseitige Akzeptanz und kulturelle Vielfalt ein. Wir glauben, dass unsere Veränderungen im Kleinen letztendlich etwas Grosses und Wichtiges bewirken. Und am Ende geben uns die Menschen, die an unseren Aktivitäten und Anlässen teilnehmen, viel zurück.
 
Debora Mittner ist Vorstandsmitglied der HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich) und Mitgründerin des LGBT-Integrationsprojekts Queer Migs.
Kontakt: www.queermigs.ch // queermigs@haz.ch
*Das «Stolpersternchen» soll beim Lesen darauf aufmerksam machen, dass Geschlecht keine natürliche, eindeutige oder einheitliche Kategorie ist.

 

Im nächsten Artikel des Themendossiers Migration interviewen wir einen kurdischen Menschenrechtsaktivisten, der heute in der Schweiz lebt und studiert.

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