Warum ich Triggerwarnungen für ein antifeministisches Konzept halte

Die Autorin lehnt zwar Triggerwarnungen ab, macht aber einen Vorschlag dazu, wie auf gewaltvollen Inhalt in Filmen und anderen Medien im Vorfeld hingewiesen werden kann.

Es war abends, mitten in der Woche und ich hatte mal wieder einen dieser anstrengenden Tage und wollte nur noch abschalten. Da kam mir die von dem deutsch-französischen Fernsehsender ARTE angebotene Serie „Nachdem ich ihm begegnet bin“ nur gelegen. Laut der Homepage sollte es eine „britische Miniserie voller Leidenschaft“ sein. Die ersten 50 Minuten dieser vierteiligen Filmreihe verliefen auch so, wie ich es mir unter dem Begriff Leidenschaft vorgestellt hatte: Es ging um die sexuelle Anziehung zwischen zwei Menschen. Doch gegen Ende der ersten Folge, nachdem ich mich in die Protagonistin hineinversetzt, ihre Lebenssituation kennengelernt und Einblicke in ihre Gefühlswelt erhalten hatte, wurde ich mit einer brutalen Vergewaltigungsszene konfrontiert. Sofort schaltete ich die Serie aus. Völlig schockiert von dem schmerzverzerrten Gesicht der Protagonistin, ihren Schreien, ihrer nutzlosen Gegenwehr und dem erbarmungslosen und gewaltvollen Handeln des Vergewaltigers saß ich vor meinem schwarzen Laptopbildschirm. Langsam stieg die Wut in mir hoch. Ich hatte mich auf diese Serie eingelassen, bin sozusagen einen Vertrag mit ihr eingegangen, in dem Glauben, Zeit zu investieren und im Gegenzug eine leidenschaftliche Beziehung als Zuschauer*in verfolgen zu können. Stattdessen fühlte ich mich von ARTE reingelegt, viel schlimmer noch, ich sah mich erneut einer Rapeculture (Vergewaltigungskultur) ausgesetzt.

Diese Filmreihe als eine Serie voller Leidenschaft zu bezeichnen zeigt, dass Gewalt als sexy und Sexualität als gewalttätig verstanden werden.

Auf diese Weise wird ARTE zum Komplizen eines Bildes, in dem die Vergewaltigung der Ausdruck einer ungezügelten Leidenschaft wird. An dieser Stelle möchte ich mich jedoch nicht gegen die Darstellung von Gewalt in Filmen oder anderen Medien als solches aussprechen. Eine künstlerische Verarbeitung von Gewalterfahrung kann durchaus bereichernd für die Rezipient*innen sein. Mich stört hingegen die Inszenierung dieser Serie auf der ARTE-Homepage. Statt der Bezeichnung „Leidenschaft“ hätte ich mir viel eher einen Hinweis auf das Thema Vergewaltigung bzw. Gewalt gegen Frauen gewünscht.
Sogenannte Triggerwarnungen sind im Internet in einigen Foren durchaus üblich. Sie haben ihren Ursprung in Selbsthilfeforen, wo zu Beginn eines Beitrages vor potenziell verstörenden Inhalten gewarnt wird. To trigger kommt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt „etwas auslösen bzw. hervorrufen“. Gemeint ist in diesem Zusammenhang, dass bestimmte Inhalte als Auslöserreize funktionieren und Menschen vergangene Erfahrungen in sogenannten Flashbacks wiedererleben. In den US-amerikanischen Medien finden Triggerwarnungen häufig ihre Anwendung, werden allerdings genauso heftig kritisiert. Problematisch erscheint, dass Trigger in die internationale Klassifikation von Krankheiten (ICD) fallen und als Teil von posttraumatischen Belastungsstörungen verstanden werden. Doch Menschen, die Gewalterfahrungen erlebt haben, möchten nicht unbedingt in die pathologisierende Ecke von Krankheiten geschoben werden. Außerdem wird zu Bedenken gegeben, dass sich Trigger sehr individuell äußern, sodass auch Farben, Namen oder Gerüche und nicht unbedingt nur die Mainstream-Vorstellung von triggernden Gewaltszenen Flashbacks auslösen können.
Um eine Pathologisierung zu vermeiden, ist der Begriff Trigger mittlerweile durch Content, zu Deutsch „Inhalt“, ersetzt worden. Doch die Bezeichnung Warnung bleibt bestehen und somit auch das Bild einer in der Ecke hockenden und die Kniee umklammernden Person, die eine Konfrontation mit der gewaltvollen Realität nicht aushält. Warnungen, so behaupten einige Feminist*innen, gibt es schon genug.

Und tatsächlich werden feminisierte Personen ständig und überall gewarnt: Wir werden davor gewarnt, nachts bestimmte Orte zu meiden, auf entsprechende Kleidung zu verzichten, nicht zu viel Alkohol zu trinken, Männern nicht vorbehaltslos zu vertrauen, uns ihnen gegenüber angemessen – nicht zu betörend aber auch nicht zu distanziert – zu verhalten, die Strassenseite in bestimmten Situationen zu wechseln und niemals das Glas unbeobachtet auf einer Party stehen zu lassen.

Und nun werden wir auch noch vor Blogeinträgen, Filmen oder Büchern gewarnt. Diese Warnungen, so auch mein Vorwurf, wirken bevormundend und einschränkend und tragen zu dem weit verbreiteten Verständnis bei, dass wir feminisierten Personen dafür verantwortlich sind, Gefahren aus dem Weg zu gehen. Wir müssen Selbstverteidigungskurse besuchen, wir müssen die Party frühzeitig und am besten nüchtern verlassen und wir müssen uns vor Gewaltszenen in den Medien schützen.
Nichtsdestotrotz bestehe ich auf einen Hinweis, der auf den bevorstehenden Inhalt aufmerksam macht, zwar nicht als Warnung aber als Content Note (Inhaltshinweis). Entgegen der Vorwürfe, es würde den öffentlichen Raum entpolitisieren und unsere weichen Kissen nochmals aufschütteln, bin ich viel eher der Meinung, dass ein informiertes Einverständnis einen rücksichtsvollen und inklusiven Raum schafft. Durch den Hinweis auf die bevorstehenden Inhalte kann jede Person selbst entscheiden, ob sie bereit ist, sich in ein produziertes Kulturgut hineinversetzen und die dahinterstehenden Gedanken auf sich wirken zu lassen. Denn letztendlich können sich die Medien- und Kulturproduzent*innen von ARTE unmöglich in der Lage sehen, für mich zu entscheiden, ob ich an diesem Abend oder an einem der anderen Tage dazu bereit bin, mich mit Gewalt gegen Frauen auseinanderzusetzen. Mit einer Content Note hingegen würden sie anerkennen, dass es viele von uns gibt, die sich tagtäglich mit Gewalt, Sexismus und weiteren verletzenden Realitäten auseinandersetzen müssen, ob nun traumatisiert oder nicht, und dass es die Entscheidung eines einzelnen Individuums ist, wieviel Ressourcen es für bestimmte Inhalte aufbringen kann und möchte.
Besonders ärgert mich in diesem Kontext das Gegenargument, dass doch viele Kunstschaffende ebenso wie Journalist*innen auf Schock- und Überraschungsmomente und damit zusammenhängende Emotionen setzen und eine Content Note diese künstlerische Freiheit einschränken würde. Doch an dieser Stelle frage ich mich, auf wessen Kosten hier Entsetzen erzeugt wird. Meiner Ansicht nach reproduziert die vorzufindende Inszenierung genannter Serie gesellschaftliche Machtverhältnisse und verschleiert unter dem Deckmantel des kreativen Kunstgriffs auch die dahinter liegende Systematik.
Auch der Einwand, dass sich Menschen, die Gewalt erfahren haben, mit diesem Thema weiterhin auseinandersetzen müssten, da ein Verschweigen und Vermeiden schädlich, eine aktive Auseinandersetzung und Konfrontation hingegen emanzipativ und empowernd sei, basiert aus meiner Perspektive eher auf stereotypen Vorstellungen von der Verarbeitung und Bewältigung vergangener (traumatisierender) Erfahrungen als auf fundiertem Wissen.

Vielleicht lässt sich die Forderung nach einer Content Note auch im Zusammenhang mit der #MeToo-Debatte sehen.

In den letzten Wochen und Monaten spielte #MeToo insbesondere im Bereich der Filmproduktion immer wieder eine wichtige Rolle. Dabei wurden Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung im Zuge von Dreharbeiten und der Vergabe von Filmrollen angeprangert und gleichzeitig Forderungen nach einer Frauenquote am Filmset und der Abbildung von Lebenswirklichkeiten weiblicher Filmrollen immer lauter. Die andere Seite des Films, nämlich die des Filmkonsums durch Zuschauer*innen hingegen blieb bisher unbemerkt. Dabei scheint es zu einer unhinterfragten Normalität geworden zu sein, dass Filmrezipient*innen mit Gewaltszenen gegen Frauen konfrontiert werden, ohne zuvor ihr Einverständnis gegeben zu haben. Eine Content Note in der Beschreibung eines Filmes könnte jedoch leicht Abhilfe schaffen. Mich hätte ein solcher Hinweis jedenfalls vor schlaflosen Nächten bewahrt.

Die Autorin über sich selbst: Ich engagiere mich seit zwei Jahren für Geflüchtete. Dabei geht es mir weniger um die Vermittlung von Sprachkenntnissen, als vielmehr um die Fragen: Warum werden Menschen benachteiligt, wie können wir soziale Gerechtigkeit in unserem Alltag umsetzen und wie lässt sich strukturelle Diskriminierung bekämpfen? Ausgebildet in Pädagogik, Geschichte, Politikwissenschaften und Gender Studies setze ich mich für eine diskriminierungsfreie und nachhaltige Gesellschaft ein. Kurz gesagt: Ich bin leidenschaftliche Feminist*in.

Hier gehts zum Artikel über unseren letzten Dialogtisch zur Thematik „Hatespeech. Die Grenzen der freien Meinungsäusserung“: http://www.weltethos.ch/a-table-hate-speech-die-grenzen-der-freien-meinungsaeusserung/

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