Jahrestreffen im Kulturpark Zürich.
Koordinatensystem

An fünf Tischen verteilen sich junge Erwachsene und Pensionierte. Die mittlere Generation fehlt weitgehend, wie der Stiftungspräsident persönlich feststellen wird. Dies ist der erste Anblick, den ein Besucher des Jahrestreffens von Weltethos Schweiz im Kulturpark Zürich bemerkt. Verschiedene Akteur_innen referieren über ihre Projekte, es geht um Fundraising, Kommunikation u.a. Das Ergebnis eines Bern-Besuchs von drei jungen Videotalenten wird abgespielt. Aus den Reihen der älteren Generation meldet sich jemand mit der Bemerkung, die Ideen der Jüngeren seien für ihn doch noch etwas „gewöhnungsbedürftig“. Doch an was manifestiert sich der vermeintliche Generationengraben?

Mit Weltethos sind historisch selbstverständlich Werte und Handlungsanweisungen verbunden, man denke nur an die Goldene Regel („Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.“). Auf der anderen Seite gibt es die klare Idee, dass sich Weltethos Schweiz, wie auf der Website erklärt, der Förderung von „Dialogkompetenzen“ widmen will. Ohne Zweifel ist das Anstreben eines offenen und kreativen Dialogs an sich etwas wertvolles. Aber man wird auch zugeben müssen, dass beispielsweise die Erklärung zum Weltethos noch weitere Werte benennt, die zu vermitteln sinnvoll wären. Sollen die von uns lancierten Dialoge ergebnisoffen geführt werden? Dies beinhaltet jedoch das theoretische Risiko, dass unsere Werte am Ende in den Gesprächen nicht vorkommen. Als Alternative wäre das bewusste und unbeschränkte Einstehen für unsere Werte denkbar. Damit könnten unsere Anlässe jedoch schnell zu Schulstunden für Menschen, welche von unseren Anschauungen noch nicht erleuchtet wurden, verkommen. Nichtsdestotrotz müssen wir einen Mittelweg in der Spannung zwischen dem vollkommen offenen Dialog und dem Aufnötigen von Idealen finden. Damit sollte es möglich sein, Kreativität mit der Vermittlung von Werten zu kombinieren.

Eine zweite Spannung zeigt sich im weiteren Verlauf des engagierten Jahrestreffens: Nicht nur der Inhalt, auch die Form unserer Aktivitäten gibt Anlass, sich auszutauschen. Inhalte kann man nämlich einerseits in neumodischer Art digital via Social Media verbreiten. „Herunterladen und fertig“, sei heute der Weg an Inhalte zu kommen, bemerkt die Geschäftsleiterin Nathalie Poehn. Anders argumentiert der Stiftungsrat Stephan Schlensog, der in seinem Votum zu erkennen gibt, dass er es nicht für richtig halte, sklavisch den aktuellen Trends zu folgen. Sicher ist: Es gibt Menschen, die sich weiterhin gerne bedächtig über schön gestaltete Tafeln informieren. Hingegen wird auch niemand abstreiten, dass der Kontakt zu vielen Interessierten über den Bildschirm erfolgt. Idealerweise sollte also jeder Kanal mit hoher Kadenz bedient sein. Es gilt jedoch auch hier, wie oft bei Weltethos Schweiz, dass viele Ideen und Möglichkeiten, aber beschränkte Ressourcen, vorhanden sind. In Zukunft werden wir deshalb nicht darum herum kommen, immer wieder auszuwählen, welches Medium für welches Teilprojekt das angemessene ist.

Am fortgeschrittenen Nachmittag finden sich schliesslich gepflegt gekleidete Damen und Herren auf der Tribüne vor der hellen Holzwand zum Podium über „Kirche und Staat“ ein. Als die Debatte unter anderem zwischen der jungen, bestimmten Atheistin und dem etablierten Kirchenvertreter ins Laufen kommt, erkennt man eine grosse Stärke von Weltethos Schweiz: Das Gespräch wird einfach initiiert. Es bleibt nicht bei hohlen Absichtserklärungen, dass es doch sinnvoll wäre, wenn X und Y zukünftig mehr zusammen diskutieren könnten. Ehrlicherweise muss jedoch zugegeben werden, dass mindestens am heutigen Tag das Gespräch ohne Beteiligung bildungsfernerer Mitbürger_innen abläuft. Überaus wünschenswert wäre, wenn breitere Schichten eingebunden werden könnten. Dies kann jedoch nicht auf Knopfdruck eingeleitet werden, sondern müsste mit einigem Engagement vorangebracht werden. Damit sind wir allerdings erneut bei der Problematik der limitierten Ressourcen angelangt.

Wie wohl manche andere ideelle und nicht-gewinnorientierte Organisation, muss Weltethos seinen Weg auf dem Koordinatensystem (siehe Skizze) der erwähnten Spannung finden. Dabei gilt es eine komplette Verzettlung zu vermeiden, doch auch eine Konzentration darf nicht zu weit getrieben werden. Letzteres könnte nämlich dazu führen, dass in den Aktivist_innen vorhandene Potenziale nicht genutzt werden können. Weltethos Schweiz wird zukünftig, wie bisher, immer auf der Suche des bestmöglichen Weges sein müssen, der es ermöglicht, Werte und Wille zum Dialog in den Herzen der Menschen zu verankern.

Das ein gewisser Erfolg dabei in der Zukunft wahrscheinlich ist, leitet sich für mich aus der Tatsache ab, dass wir viele engagierte und unterschiedlich talentierte Menschen mit dabei haben. Der Jahrgang der Individuen spielt insofern eine positive Rolle, als die einen jugendlichen Initiative und die anderen Berufs- und Lebenserfahrung mitbringen. Es gibt dabei natürlich keine Garantie, das wir die richtigen Wege finden. Die Ergebnisse werden an künftigen Jahrestreffen zu bewerten sein.

Hier erfahren Sie mehr über unsere Dialogprojekte: http://www.weltethos.ch/projekte/

Und unser Factsheet:

Fakten

 

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