Trauerphasen einer Gesellschaft

Mein Wort und gleichzeitig auch Unwort des Jahres 2016 war Wutbürger*in. 2017 wollte ich dann auch eine Wutbürger*in sein. Zuerst habe ich dies, ganz nach den typischen vier Phasen der Trauer über den Zustand unserer Gesellschaft, geleugnet. Wenn man akut feststellt, dass nicht nur das eigene Umfeld, die Gesellschaft, nein gar die ganze Welt kurz vor der Selbstzerstörung steht, ist Leugnen meist das beste Mittel. Das klappt aber eben auch nur in der ersten, sehr kurzen Phase der Trauerarbeit.

Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, Wutbürger*in zu sein, nachdem ich die letzten Jahre so viel Wut von anderen Bürger*innen ertragen musste. Dann auch noch die Wut der Ausländer*innen. Die Wut der Politiker*innen, der Medien, der Terrorist*innen. Es ist aber anstrengender als gedacht, die für den/die Wutbürger*in typischen Charakteristika über längere Zeit aufrecht zu erhalten; darunter fallen Leserbriefe schreiben, Blogkommentare voller Rechtschreibfehler und haltloser Argumentationen hinterlassen aber auch das Skandieren von Parolen und das Hochhalten von selbstgebastelten Plakaten.
Als ich einen Rückfall in Phase 1, das Leugnen, riskierte, habe ich mich entschlossen nicht zu leugnen, dass auch Phase 2, Wut, kein dauerhafter Zustand sein kann.
Auch die Wut hat uns nicht weitergebracht. Das haben wir festgestellt und nun haben wir Angst. Phase 3, sich ängstigen, ganz allgemein und unspezifisch, wurde zum gesamtgesellschaftlichen Phänomen. Auch nachdem wir leidhaft begriffen haben, dass uns globale Phänomene wie Krieg, Hunger und Terror auch betreffen und nicht nur die anderen.

Zu den Trauerphasen einer heutigen Gesellschaft, die in ihre eignen Geschichtsbücher blickt, passt auch das Wählen eines Wortes und eines Unwortes des Jahres.

Das offizielle Wort des Jahres in der Schweiz 2015 war EINKAUFSTOURIST. Das Unwort war ASYLCHAOS. 2016 war das offizielle Wort des Jahres FILTERBLASE und das Unwort INLÄNDERVORRANG LIGHT…
Bereits 2016 wurde in der Wahl dieser Jahresworte deutlich: Wir haben Angst, dass Einheimische das Land verlassen und gleichzeitig Angst, dass Ausländer*innen kommen. Leben schon lange nicht mehr miteinander, sind aber bestens vernetzt. Leben im Überfluss und glauben noch immer stärker bevorzugt werden zu müssen.
Schon speziell der/die Schweizer*in, die Menschen. Aber eben, demokratisch überlegt, bekanntlich immer gut, oder?
Wir haben Angst vor Terror. Doch der grösste Terror ist die Angst selbst. Was, wenn wir das Böse nicht mehr abwenden können? Uns von ihm nicht mehr abwenden können?
Wir brauchen mehr good news. Nachrichten kann und will sich niemand mehr ansehen, wir wussten gestern schon, dass Syrien verloren ist, die Grenzen und unsere Herzen geschlossen sind und unser Ökosystem vor dem Verfall steht. Können wir nicht ändern. Diese vermeintliche Einsicht führte mich direkt in Phase 4 des Trauerprozesses: Resignation.
Doch gibt es ebenso wie das Schlechte eben immer auch das Gute und die Hoffnung.
Es ist keine ausweglose Situation, es ist nicht so, dass es keine klaren Ursachen und Antworten gäbe für die heutigen Herausforderungen und Versäumnisse.

Ganz wie Marie-Antoinette zu sagen pflegte: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.

Es ist lediglich so, dass die Probleme mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht gelöst werden können, viele nicht gelöst werden wollen und andere im Interesse weniger nicht gelöst werden sollen. Berufen wir uns aber auf die urmenschlichen Werkzeuge und unsere kultureigenen Werte, nehmen wir die richtigen Werkzeuge zur Hand, können Hoffnung, Glück, all das Gute was es gibt, wieder gesehen und gefördert werden.
Der Trauer- und Heilungsprozess ist abgeschlossen, wenn ein Neustart gewagt werden kann, die Lösungssuche beginnt und wir uns fragen, was passieren würde, wenn wir die Angst und die Resignation ablegen, mutig und aktiv werden. Eine von vielen möglichen Antworten auf die Frage, wie dies bewerkstelligt werden soll, ist Weltethos.
Die Besinnung auf menschliche Werte und eine säkulare Ethik müssen gefördert werden. Die richtigen Werkzeuge, der kleinste gemeinsame Nenner zwischen all unseren Kulturen, Traditionen und Religionen, wurden uns bereits in die Wiege gelegt. Nur wenn wir auch wieder lernen sie zu gebrauchen, können wir bessere Menschen werden, in einer besseren Welt leben. Innere Werte müssen unsere Zukunft prägen, Konflikte durch Dialog gelöst werden.
Somit besteht dann auch wieder Hoffnung, der Kreislauf schliesst sich; was uns erst zum Verzweifeln brachte, lässt uns das Gute sehen und hoffen, dass 2017 das Wort des Jahres „Friede“ sein wird und das Unwort des Jahres „Wutbürger*in“.

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