Aktionswoche 21.-27.03.2018, Bern. «HIER. JETZT. UNBEDINGT. Nein zu Rassismus.» Fotografie unter dem Titel der Veranstaltung: «Zeichen setzen gegen Rassismus an deutschsprachigen Hochschulen»

«Ist das Beige oder Hautfarben?» Diese desillusionierende Frage stellte Frau Dr. Emily Ngubia Kessé am Freitag (23. März 2018) ihren Zuhörer*innen in Bern. Im Hintergrund leuchtet ein überdimensionaler hautfarbener Stift auf einer PowerPoint-Präsentation. Nach der relativ einstimmigen Antwort «beige» klärt sie uns auf, dass die Bezeichnung «hautfarben» in den meisten deutschsprachigen Ländern, darunter der Schweiz, noch sehr geläufig sei. Auch ich nannte als Kind meine beigen Stifte «hautfarben». Ich war schockiert über diese ‘unschuldige’ Art, die Diversität unserer Gesellschaft auszublenden.

«Rassismus in der Schweiz?» Das ist eine der vielen Fragen, die sich letzte Woche ganz Bern gestellt hat. Oder zumindest jene, die sie erreicht hat; darunter mich selbst. Neben der Nachhaltigkeitswoche und dem Bildungsaufstand fand in der Bundesstadt vom 21. bis zum 27. März die 8. Aktionswoche gegen Rassismus unter dem Titel «HIER. JETZT. UNBEDINGT. Nein zu Rassismus.» statt. Der Zeitraum entspricht der «internationalen Woche gegen Rassismus». Eine Tatsache, die zeigt, wie aktuell das Thema ist. Das war mir bis anhin nicht bewusst, obwohl Antirassismus in meinem Wertesystem einen wichtigen Platz einnimmt. (Die SVP Plakate mit den schwarzen Schafen konnte ich der Schweiz nie ganz verzeihen. Ich verstehe bis heute nicht, warum es kein Gesetz gibt, das solche verbietet.)

Der letzte Abschnitt zeigt, wie schnell das Wort «Rassismus» abgenutzt wird, wenn man es oft hört. Wie schnell es einem bereits auf die Nerven geht. Ich habe es schon zu oft gehört: Plakate mit Parolen. Leidende Menschen. Eine alte Leier. Reizüberflutung. Absicht? Trauriger Nebeneffekt der Medien? Natürlich ist es ein wichtiges Thema, aber es gibt Dinge, die kann man nicht beeinflussen. So schlimm kann die Situation für Ausländer*innen in der Schweiz nicht sein. Wir haben ein gutes Sozialsystem. Es muss niemand auf der Strasse leben. Jedem wird geholfen. Jeder hat die gleichen Chancen, man muss sich nur genug anstrengen. Ab hier beginnt die Ironie.

Es fällt schwer, sich die Fragwürdigkeit dieser Glaubenssätze einzugestehen, aber sie ist da. In den meisten von uns. Das belegt eine wissenschaftliche Studie von 1996 in dem Experiment «Behavioral Effects of the African American Stereotype»: Zwei Gruppen von Probanden*innen spielte man in schneller Abfolge verschiedene Bilder vor. Der einen Gruppe wurden Fotografien gezeigt, die in regelmässigen Abständen Aufnahmen von dunkelhäutigen Personen enthielten. Diese wurden jedoch so kurz eingeblendet, dass sie vom Gehirn nicht bewusst wahrgenommen werden konnten. Es zeigte sich, dass jene Probanden mit den eingeschobenen Bildern später aggressiver auf ein unvorhersehbares Ereignis reagierten, als die anderen. Sogar diejenigen, die sich zu Beginn als ‘nicht rassistisch’ eingestuft hatten, wiesen dieses Verhalten auf. Das zeigt, wie tief diese Muster im Unterbewusstsein verankert sind.

Die Aktionswoche hier in Bern hat sich zum Ziel gemacht, dem entgegenzuwirken.
27 Veranstaltungen in unterschiedlichsten Formen und an unterschiedlichsten Orten holten die Thematik zurück in unser Bewusstsein. Die Vielfalt des Programms reichte vom «Festival der Kulturen» in der Heiliggeistkirche bis hin zu Bastelprojekten für Kinder am Bärenplatz. Verschiedene Workshops, Lesungen, Crashkurse und Podiumsdiskussionen füllten Kaffees und diverse Universitätsräumlichkeiten. Sogar im Haus der Religionen wurde ein Podiumsgespräch geführt unter dem treffenden Titel «Schützenswerte Pflänzchen oder invasive Neophyten?». Auch die Kunst wurde nicht vernachlässigt: Das PROGR stellte während der ganzen Zeit drei Installationen zu dem Thema aus.

Im Rahmen dieser Aktionswoche hielt auch Frau Dr. Emily Ngubia Kessé von der Humboldt- Universität zu Berlin ihren Vortrag über Rassismus an Hochschulen. Sie beleuchtete das Thema von unterschiedlichen Seiten; von seinen Wurzeln über verschiedene Arten des Rassismus bis hin zu der Thematik an Hochschulen. Dieser Vortrag war es, der mein Interesse geweckt hat. Er hat mir deutlich gemacht, wie wichtig es ist, darüber zu sprechen. Denn neben dem alltäglichen Rassismus ist der institutionelle Rassismus viel mächtiger. Das wusste ich jedoch zu Beginn des Vortrags noch nicht. Ich war überzeugt, dass die Universität ein neutraler Ort ist; ein Ort an dem Rassismus sofort entlarvt wird. Es kommt nur auf die Leistung drauf an. Gleiche Chancen für alle. So sass ich auf dem Stuhl. Ein gespanntes Fragezeichen im Gesicht.

Neben wissenschaftlichen Ausführungen berichtete Frau Dr. Emily Ngubia Kessé von unterschiedlichen Erfahrungen; darunter ihren eigenen. Sie stammt ursprünglich aus Kenia und hat in Italien studiert. Sie berichtete, dass es ein Jahr gedauert habe, bis sie einen Studienplatz in Deutschland erhielt. Es sei ihr sehr schwer gemacht worden. Man verlangte etliche Nachweise. Mein erster Gedanke war: Wieso ist das aussergewöhnlich? Ist es nicht normal, dass man Studierende aus anderen Kulturen besonders prüfen muss? Schliesslich kommen sie aus einer vollkommen anderen Kultur. Sie sprechen eine völlig andere Sprache. Und wer weiss, vielleicht haben sie nie so gut Englisch gelernt wie wir an den Schulen?

Und wieder ist mir die Sprache einen Schritt voraus. Was wäre, wenn es das Wort sie für ‘die Anderen’ nicht mehr gäbe? Wenn es nur noch ein grosses WIR gäbe? Wir Menschen. Eine gesunde Utopie?

Sie erzählte die Geschichte von einem ausländischen Studenten, der aufgrund seines kulturellen Hintergrundes, seiner Hautfarbe, oder seines holprigen Englisch aus der Referatsgruppe ausgeschlossen wurde. Seine Gruppe vereinbarte heimliche Treffen, um die Arbeit ohne ihn zu besprechen. Daraufhin habe sich der Student entschlossen die Aufgabe alleine zu bewältigen und dem Dozenten ein eigenes Dokument einzureichen. Dieser bewertete die Arbeit als aussergewöhnlich gut, erteilte ihm aber trotzdem nur die Note 5, mit der Begründung, dass er die Aufgabenstellung bezüglich der Gruppenarbeit nicht befolgt hätte. Der Dozent wurde bereits im Voraus über den Ausschluss informiert. Er intervenierte nicht. Die Gründe seien unbekannt. Auch diese Geschichte hat mich nicht vollends überzeugt. Gibt es nicht viele Perspektiven, welche eine Geschichte annehmen kann?

Dann der Paradigmenwechsel: Es gibt an den meisten Universitäten von Europa keine Rassismusforschung als eigene Disziplin. Auch nicht in der Schweiz. Anders sieht das mit den Gender Studies aus, die man hier bereits als eigenständiges Fach studieren kann. Die sogenannte «Frauenforschung» hat in den 1960ern Einzug in die Wissenschaft erhalten. Daraus hat sich später ein eigener Zweig der Gender Studies gebildet, zu der an den meisten Universitäten geforscht wird. Ihnen haben die Frauen zu verdanken, dass sich der gesellschaftliche Diskurs bezüglich Gleichberechtigung stetig verbessert und sich im gesellschaftlichen Denken mehr und mehr manifestiert.

Aber Rassismus ist keine eigenständige Disziplin an den meisten europäischen Universitäten, trotz kolonialer Vergangenheit und Verflechtungen. Wenn über etwas nicht geforscht wird, scheint es nicht allzu wichtig zu sein. Etwas das nicht allzu wichtig ist, darüber macht man sich keine Gedanken. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Frau Dr. Emily Ngubia Kessé erzählt weiter von mehreren Vorfällen, an denen die Finanzierung von Forschungsprojekten über Rassismus abgelehnt wurde. Das beschreibt sie unter anderem in ihrem Buch «eingeschrieben. Zeichen setzen gegen Rassismus an deutschen Hochschulen» (2015). Ob es diese Vorfälle auch in der Schweiz gab, konnte ich leider nicht ausfindig machen.

Eine Ausnahme bildet hier die USA. Wegen der präsenteren Problematik betreibt sie intensivere Rassismusforschung und bietet sie als eigenständige Disziplin an vielen Universitäten an. Aber ist es denn bei uns so viel besser? Können die Werbeplakate der SVP mit den schwarzen Schafen wirklich freigesprochen werden von Rassismus? Frau Dr. Emily Ngubia Kessé fragt: Wie oft sortieren Arbeitgeber Bewerbungen aufgrund von fremd klingenden Namen aus? Wie oft ist es schon von Beginn an klar, dass Professuren von vorne herein nicht für ausländische Anwärter bestimmt sind? Sie beantwortet diese Fragen mit «sehr oft». Es heisse immer, dass sich alle bewerben könnten. Dass gleiche Chancen bestehen. In diesem Glauben leben die meisten Schweizer*innen, ich selbst miteingeschlossen. Aber das ist eben nur die Oberfläche. Der Vorwand. Die Realität ist eine andere.

Wir können nicht sagen, dass uns das Thema Rassismus im Angesicht der Flüchtlingskrise nicht betrifft. Das System ist glatt an der Oberfläche. Aber darunter befinden sich etliche Ungerechtigkeiten auf verschiedenen Ebenen, die den meisten nicht bewusst sind, weshalb es so unglaublich wichtig ist sich darüber Gedanken zu machen. Veränderung findet im Denken statt und damit auch in der Sprache. Während geschlechtergerechte Sprache immer mehr zu einer ‘Duden-Klausel’ wird, findet sich in der deutschen Sprache zu der Farbe Beige immer noch das Wort «hautfarben». Die Hautfarbe von Weissen. Das ist noch das harmlosere Beispiel. Solange der Zugang zu den Ressourcen an unseren Universitäten nicht für alle gleichermassen offensteht, liegt noch ein weiter Weg vor uns.

Zur Autorin Sonja Rasch:
E. Tolle, S.R. Covey und W. Allen, Fine Arts, Ballett, Literatur, Film, Meditation und experimentelles Kochen. Ich, Sonja Rasch, wohne in Wabern und studiere seit knapp zwei Jahren Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Bern. Deutschland – meine Heimat – habe ich im Alter von 6 Jahren mit meiner Mutter verlassen. Seither lebe ich in der Schweiz und spreche fliessenden Thurgauer Dialekt. Nach insgesamt vierzehn Umzügen um den Bodensee herum, würde ich mich als ein der Schweiz sehr verbunden fühlendes Normaden-Kind bezeichnen.“

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