Ein erster Abschnitt des Spaziergangs führt über den Bach.
Auf dem Weg Richtung Aussichtspunkt.
Die Aussicht des Autors auf das Gürbetal.

Es ist Sonntagmorgen, ich bin bereits früh zu Fuss unterwegs. Ich verlasse mein Dorf und folge einem Wanderweg in einen kleinen Wald. Unterhalb des Weges rauscht intensiv ein malerisches Bächlein, es ist das einzige hörbare Geräusch. Ich summe ein Lied und meine Gedanken kreisen. Dies ist für mich Heimat. Und diese ist konkret mit dem eben geschilderten Ort verbunden. Zugegebenermassen ist dies das subjektive Gefühl eines jungen Menschen vom Land, der seit Jahren an diesem Ort wohnt.

Was wäre das Gegenteil dieser geliebten Heimat? Für mich lautet die Antwort auf diese Frage, in freier Auslegung der Gedanken des 1975 ermordeten, linken italienischen Filmemachers Pier Paolo Pasolini: eine auf kommerziellen Konsum ausgerichtete Gesellschaft. Pasolinis Kritik an der Konsumgesellschaft, welche sämtliche Urtümlichkeiten ausradiert, ist die Lektüre, welche mir während meines Studiums am meisten die Augen für die heutige gesellschaftliche Entwicklung geöffnet hat. Wenn auch um die vierzig Jahre alt, sind seine Beobachtungen heute bestechend aktuell. Missbilligte er damals ein konsumistisches Fernsehprogramm, lässt sich dies heute direkt auf das Internet und insbesondere die sozialen Medien übertragen. Dort mischen sich, neben vielen guten Beiträgen, bekanntlich eine sehr grosse Anzahl an Belanglosigkeiten, kommerzieller Werbung für manchmal mehr, manchmal weniger sinnvolle Waren und Fake-News.

Diese digitale Mainstream-Welt, die global identisch ist, lässt keinen Platz für Heimat und lokale Geborgenheit.

Obwohl ein sozialer und manchmal beruflicher Druck existiert, dass man in dieser Mainstream-Welt präsent sein muss, ist es letztlich ein individueller Entscheid: Ich kann auch so gut es geht auf die negativen Seiten des Internets verzichten. Dann habe ich halt das neuste Blödsinn-Video mit vorgeschaltetem Werbespot nicht gesehen, dafür aber die Chance erhalten, einer wertvolleren Tätigkeit nachzugehen.
Mein Spaziergang geht weiter, ich steige Schritt für Schritt höher über das Bächlein, bis hoch zum Waldrand. Von dort blicke ich wieder nach unten, zwischen hellgrünen und herbstgelben Blättern hindurch. Wunderbar scheint die Sonne durch die Baumkronen hindurch. Ich geniesse den Anblick ungemein, so sieht für mich der Garten Eden aus.
Während ich also diese Heimat sehr wohl im Gegensatz zum Konsumismus sehe, glaube ich überhaupt nicht, dass „das Fremde“ dieser Heimat irgendetwas antut.

Heimat und Fremde mag vielleicht eine geografische Differenz trennen, aber es ist keine Konkurrenz. Flüchtlinge, die in unser Land fliehen, und Arbeitskräfte, die bei uns arbeiten wollen, bedrohen meine Heimat keineswegs.

Deshalb ist meine Heimatverbundenheit niemals fremdenfeindlich oder gar rassistisch. Und übrigens auch nicht nationalistisch, ja, sie hat mit „der Nation“ nichts zu tun. Für mich ist es deshalb absurd, wenn Heimatliebe mit nationalkonservativen Ideologien verbunden wird. Zur Globalisierung allgemein oder konkret zur Zuwanderung mag man Einwände haben, aber die Heimatverankerung des einzelnen Menschen ist durch sie bestimmt nicht gefährdet. Vom digitalen Konsumismus, den man sich mindestens teilweise selbst auferlegt, dagegen schon. Mein Heimatkonzept ist auch keineswegs gegen mulitikulturellere Vorstellungen von Heimat gerichtet. Im Gegenteil, ich respektiere diese voll und ganz. Ich bin überzeugt, dass sich verschiedene Deutungen von Heimat ergänzen und eine interessante Vielfalt bieten.
Ich verlasse den Wald, marschiere an einem Bauernhof und einem Restaurant vorbei und komme auf eine Anhöhe, die einen fantastischen Überblick über das topfebene Gürbetal bietet. In südlicher Richtung präsentiert sich die beeindruckende Silhouette von Eiger, Mönch und Jungfrau. Hier oben glaube ich, die ganze Welt zu überblicken. Es ist meine Heimat.

Lesetipp: Pier Paolo Pasolini: Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1978 (neu herausgegeben 2011).

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