Herzliche Gratulation Herr Küng

Lieber Hans Küng,

Vor einem Jahr sassen wir unter Freunden mit Dir in Deiner Bibliothek an der Tübinger Waldhäuserstrasse, erzählten uns Geschichten und lachten zusammen.

Der Anlass dieses Treffens war eigentlich unser gemeinsames Projekt Weltethos. Du wolltest uns aber zuerst Dein aktuelles Anliegen zum Lutherjahr 2017 vorstellen. Ein Text für die Presse mit prägnanten Aussagen wie „Nur 500 Jahre Reformation feiern, ohne die Kirchenspaltung wirklich zu beenden, heißt, neue Schuld auf sich zu laden“, „Neben der katholischen Rehabilitierung Martin Luthers auch die Aufhebung aller Exkommunikationen aus der Reformationszeit“. Wir sassen zu zwölft um einen grossen Tisch und erlebten einmal mehr Deine intellektuelle und emotionale Kraft. Ich schaute in die Runde, in welcher sich nicht nur Gläubige verschiedener christlicher Kirchen sondern auch Agnostiker befanden. Ich meinte zu spüren, dass einige von ihnen wie ich selbst, mit allem Respekt für ökumenische Anliegen, sich mehr Sorgen machten um den Verlust von gemeinsamen ethischen Leitlinien in säkularen Gesellschaften mit einer Vielfalt von Konfessionen und Weltanschauungen.

Du hast uns alle, die wir in dieser Runde zusammenkamen, motiviert, in Deinem Projekt Weltethos mitzuarbeiten. Am Ende des zweiten Jahrzehnts nach dem Millennium unterstützen wir die übernächste Generation, damit sie sich Dialogkompetenzen in einer komplexer gewordenen Gesellschaft erwerben kann. Ihre Alltagswelt und ihre Herausforderungen unterscheiden sich drastisch von jenen unserer Jugendzeit. Geblieben sind die gleichen Grundfragen des menschlichen Daseins, nach dem Sinn des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens und nach der Verantwortung von Homo sapiens für alles Leben auf diesem Planeten.

Du hast mir vor drei Jahren gesagt, dass es Dich besonders freut, dass nun erstmals ein Naturwissenschaftler die Stiftung Weltethos Schweiz führt. Du hast Dich in Deinem Buch „Der Anfang aller Dinge. Naturwissenschaft und Religion“ meiner Zunft gestellt. Du zeigst es auf Deine Art, wie sich ein Theologe nicht nur mit anderen Religionen auseinandersetzen soll, sondern auch mit Welterfahrungen, welche unsere Spezies fähig machten, zum wichtigsten geologischen Akteur zu werden. Die kulturelle Evolution hat eine technische Gestaltungsmacht hervorgebracht, welche sich weder die Philosophen der Neuzeit geschweige denn die Religionsstifter vor Tausenden von Jahren vorstellen konnten.

An Deinem 90. Geburtstag denke ich, um elf Jahre jünger, in besonderem Masse an Deine grosse Hilfe bei meinen Grundfragen an die Condition humaine, seit den sechziger Jahren, als ich Deine ersten Schriften beim Aufbruch des 2. Vatikanischen Konzils las. Ich entdeckte, damals als Student der Naturwissenschaften, nicht nur den kritischen Theologen in einem innerkirchlichen Diskurs, sondern einen Suchenden wie ich, der aber einen andern Zugang zu den gleichen Fragen gefunden hat, sei es durch Berufung, sei es durch Zufall. Du hast alle spüren lassen, dass Du andere Wege nicht nur respektierst, sondern ein Leben lang neugierig bleibst. Du verfolgst die Entwicklung anderer Kulturen, um deren Sprache zu verstehen und das Gemeinsame zu finden. Deshalb fand ich den Weg zum Projekt Weltethos und unterstütze es mit voller Überzeugung.

Dafür danke ich Dir, an Deinem 90. Geburtstag,

Peter Baccini

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