Kay am Tag des Interviews im Park des Landesmuseums in Zürich.

Kay und ich treffen uns am Hauptbahnhof Zürich. Er macht einen kurzen Stopp zwischen Bern und Zug, wo er nach dem Interview an einem Slam teilnimmt. Kay WIOIMMER ist ein Berner Rapper, Slampoet, Künstler und Student der Sozialen Arbeit. Die Wortgewandtheit ist schnell zu spüren, aber auch eine imposante Reflexionsfähigkeit. Die Begriffe ‚Heimat‘ und ‚Tradition‘ beschäftigen ihn schon lange. Was ist „schweizerisch“? Was nicht? Und weshalb soll das (immer noch) so sein? Im Themendossier Migration spricht er mit Weltethos Schweiz über diese Fragen, seine Musik und seine Sicht auf die Dinge. Und stellt seinen neuen Song „Blaugrüen“ vor, in dem er versuchte, Brasilien und die Schweiz musikalisch unter einen Hut zu bringen.

Lieber Kay, hört man sich deine Musik an, bist du eigentlich der Falsche, um zum Thema Migration interviewt zu werden, weil wir dir so einen Stempel aufdrücken, den du kritisierst. Du erzählst in einem Slamtext von der Frage des „Woher kommst du?“, die niemanden ruhigstellt, wenn du sagst: Ich bin Berner, im Emmental geboren; erst wenn du die Herkunft deines Vaters nennst, sind die Leute zufrieden. Trotzdem: Wer bist du in deinen eigenen Worten?
Ich bin Kay, mein Vater ist aus Brasilien. Ich bin aber ziemlich schweizerisch erzogen worden, trotzdem multikulturell, das ist vielleicht das Spezielle.
Inwiefern multikulturell?
Ich bin mehrsprachig aufgewachsen und meiner Mutter war es sehr wichtig, was sie mir erzählte. Ich bekam keine Märchen zu hören dafür vieles über die Kolonialisierung. Geschichtlich hat sie mir einiges über Afrika erzählt, sie selbst ist aber Schweizerin. Aber ihr war es wichtig, dass ich wusste, weshalb ich braune Haut habe, weiss, was dahinter steckt und weiss, was mit meinen anderen Vorfahren passierte. In der Schweizer Bildung erfährt man das eher nicht. Man kann locker neun Schuljahre haben ohne zu wissen, dass die halbe Welt kolonialisiert wurde, dass Leute dunkler Hautfarbe tendenziell ärmer sind weil Leute weisser Hautfarbe tendenziell in der Vergangenheit von ihnen genommen haben. Darauf hat sie mich früh aufmerksam gemacht, auch auf Indio-Reservate, das Thema der Missionierung usw.
Was hat das mit dir gemacht, auch im geographischen Kontext des Emmentals?
Für sie war es einfach wichtig dass ich weiss, wo meine Ursprünge sind, dass ich die geschichtlichen Zusammenhänge kenne und merke, dass die Geschichte über ein Menschenleben hinausgeht. Ich habe dadurch ein anderes Verständnis des Auslands als andere Mitteleuropäer, weil ich auch Afrika eher als Heimat betrachte und weil für mich das Verständnis gilt, dass es viele Weltteile gibt, die ich nicht kenne, wo jedoch viele Menschen leben. Das ist für mich wichtig, ist mir nicht egal. Viele Leute, auch im Emmental, denken bei einer Person mit Schlitzaugen:“ Das ist ein Chinese“ und wenn du erwiderst: „Nein, das ist ein Indonesier oder ein Thai“ kommt, „das ist ja alles das Gleiche“. Jeder der schwarz ist, ist tendenziell ein Afrikaner. Das ist ein Problem, wenn aufgrund des Äusseren eine kulturelle Reduktion stattfindet. Dieses Problem besteht in der Schweiz auf jeden Fall.
Du hast mir auch geschrieben, dass dich beispielsweise das Wort „Heimat“ interessiert und beschäftigt. Nun die Aussage, dass Afrika fast mehr Heimat ist, obwohl du in der Schweiz geboren wurdest. Kannst du diese Aussage noch genauer erläutern?
Es geht darum, dass sich mein Vater an Afrika anlehnt und dass die ganze Kultur rund um Musik, die mich prägt, von dort kommt. D.h. Rap kommt aus dem Hip-Hop, Hip-Hop kommt aus dem Funk-/Soulbereich, das alles kommt aus dem Jazz und dieser ursprünglich, wie auch der Blues, wurde von Sklaven entwickelt. In Südamerika gibt es diese identitären Bewegungen wie die Capoeira, die wurde von Sklaven aus Afrika entwickelt. Aufgrund dieses Aspekts bin ich mir bewusst, wo ich meine Wurzeln habe, die ganzen Rhythmik-Sachen sind sehr afrikanisch. Dieses Bewusstsein ist mir wichtig, deshalb meine Bezugnahme auf Afrika, weil ich Sachen bediene, wir alle, die aus dieser Kultur kommen.
Dann wäre deine musikalische Heimat auf dem Kontinent Afrika? Und der etwas traditionellere Heimatbegriff, wenn man mit dem Zug über die Grenzen fährt und denkt: „So, jetzt bin ich wieder Zuhause“, hast du den auch?
Das habe ich nicht wirklich, man kann überall ein Zuhause finden. Eine Heimat im engeren Sinne habe ich nicht, im Emmental, wo ich herkomme, fühle ich mich nicht beheimatet, weil dort Personen, die mit meinen Vorstellungen zu stark widersprechen, diesen Ort als ihre Heimat reklamieren. Den stärksten Heimatbegriff habe ich mit der Stadt Bern, weil ich, seit ich dort wohne, keine Rassismus-Probleme mehr habe, einen Freundeskreis habe und mich dort einfach wohl fühle. Das ist mein Daheim. Heimat ist bei mir etwas sehr Komplexes, was sich über mehrere Kontinente hinweg zusammensetzt. Einerseits die Schweiz, das Verständnis der direkten Demokratie, der Meinungsfreiheit, eine sehr alte Demokratie; auch das Verständnis, keine Kolonialmacht gewesen zu sein, auch das nicht ganz europäisch sein, etwas Eigenes zu sein, das „Schweizerische“ halt; dann aber auch das Brasilianische: Zeit ist nicht so wichtig, Arbeiten ist nicht so wichtig. Und dort in Brasilien ist es sehr ausgeprägt, dass die Leute sich bewusst sind, von Afrika zu kommen, diese Verbindung existiert. Hier in der Schweiz, wenn man keine Einflussnahme des Auslands hat und nicht Reisen geht, kann man sich des Auslands sehr unbewusst sein.
Kannst du noch erzählen, sofern du magst, was du für Rassismuserfahrungen machen musstest und wie du gelernt hast, Gleichheit in den Begegnungen herzustellen?
Die häufigste Bemerkung ist die Frage nach dem „Von wo bist du?“, respektive nicht die Frage an sich aber das Nachfolgegespräch, dass meine Antwort „Ich komme aus Bern“, nicht ausreicht, sondern gefragt wird, „ja, aber vorher/ursprünglich?“. Da geben sich viele Leute erst zufrieden, wenn ich ein Land nenne, ich habe aber auch schon andere, afrikanische Länder angegeben oder welche erfunden, weil ich keine Lust auf das Gespräch hatte. Mittlerweile versuche ich zu sagen „Ich bin von Bern“ und nicht weiter, viele interessiert es tatsächlich weil sie sehen, dass ich portugiesisch oder französisch spreche; dann müssen sie fragen „Woher kommen deine Eltern?“ oder „Was sind deine kulturellen Einflüsse?“.

Es geht mir darum, dass die Sprache weniger rassistisch wird und sich also weniger auf äussere Merkmale bezieht.

Und auch auf das Weltbild bezogen: Ich bin zwischen hier und Brasilien aufgewachsen: Als Kind war ich im Winter in Brasilien; da war es für normal zu wissen, woher Bananen oder Ananas kommen, da dachte ich jeweils in der Schweiz „hä, wieso wissen die das nicht, woher diese Früchte kommen?!“. Als Kind wurde mir auch „Tarzan“ oder „Mogli“ gesagt, vor allem von älteren Kindern. Aber das ist eigentlich sehr komisch, weil Mogli ist ein Inder und Tarzan ist ein Westeuropäer, der in Afrika landete, d.h. beide, ausser Tarzans westeuropäischer Teil, haben wenig mit mir zu tun. Ich hörte auch Kommentare wie: „Ja geh doch zurück, von wo du hergekommen bist, in den Dschungel“, dann dachte ich, „hä, ich komme aus Bern und habe auch noch nie einen Dschungel gesehen, weil mein Vater aus Nordostbrasilien kommt, dort gibt es nur die Pampa“. Es hat lange gedauert bis ich verstand, dass andere ein anderes Weltbild haben. Und gleichzeitig entwickelte ich in der Pubertät einen sehr starken Hass auf den Traditionalismus, den Schweizer Traditionalismus, jedem mit einem Edelweisshemd ging ich aus dem Weg weil ich dachte, dass das ein Rassist ist; Traditionen wie Schwingen oder Hornussen mochte ich nicht, Hackbrett, Alphorn, all das fand ich nicht interessant. Leute in der Schweiz, die rassistisch sind, sind oft nationalistisch-rassistisch; sie identifizieren sich durch ihr Schweizer-Sein und alle anderen sind auch tatsächlich die anderen. Man muss hier aufgewachsen sein und weiss sein.
Konntest du dich damit versöhnen, wenn du von Hass in der Jugend sprachst?
Ich habe dann gemerkt, dass nur ein sehr kleiner Teil von Leuten, die Edelweisshemden tragen, tatsächlich rassistisch sind, das Gleiche bei Schwingern oder Jodlern. Es gibt auch weltoffene Leute, die sich traditionell-schweizerisch verhalten. Das musste ich merken, dann ging ich auch friedlicher und offener auf Leute zu. Und das Lustige hier in der Schweiz ist: Dass der Stereotyp „Ausländer“ sehr gut funktioniert und ich mich selbst auch schnell damit angefreundet habe. In meiner Jugend waren wir ein Ägypter, ein Thai, zwei Schweizer und drei Somalier, die immer zusammen Fussball spielten. Wir haben uns in eine Multi-Kulti-Gruppe zusammengerottet, während wir mit allen anderen, die die Meinung vertraten, dass, um hierhin zu gehören, bestimmte Kriterien erfüllt sein müssen, wir uns nicht anfreunden konnten. Wobei ich schon sagen muss, dass die meisten meiner Freunde Weisse sind, aber auch weil die meisten Leute hier weiss sind. Entscheidend für mich ist dabei vor allem, dass die Hautfarbe nicht zwingend mit dem kulturellen Umfeld in Verbindung zu bringen ist.
Gibt es denn für dich auch so etwas wie „gesunden Patriotismus“, der nichts mit Nationalismen und Ausgrenzung zu tun hat?
Was es hier viel gibt ist die Situation: Trifft ein Berner in Zürich einen anderen Berner, ist man sofort befreundet, Formen von Lokalpatriotismus also. Vor allem auf die eigene Stadt bezogen. Zum Beispiel das Neustadtlab in Bern, wo auf einem Parkplatz in Bern Kulturveranstaltungen stattfinden, Essenstände, Bowlingbahn, Streetsoccerfeld, eine Bar – ein Berührungsfeld für alle möglichen Menschen immer im Monat August direkt vor der Reithalle. Aber auch wenn es die Betreiber*Innen vielleicht anders sehen: Das ist auch eine Art Lokalpatriotismus, sie berufen sich auf ihre Stadt, aber nicht auf ihre Nation. Damit berufen sie sich zwar nicht auf eine Nationalflagge, aber auf ein Gebiet.

Das Beispiel Marseille ist auch interessant: Dort ist man nicht Franzose oder Französin sondern eben Marseillais. Aber dort kann auch jeder Marseillais werden.

In Brasilien ist es ähnlich, ein Gringo bleibt zwar ein Gringo, aber es wird trotzdem jeder aufgenommen. Ich glaube das geschieht vor allem dort, wo es noch Entwicklungspotenzial gibt und wo die Lokalen bereit sind, Neues aufzunehmen. Aber da die Schweiz nie Kolonialmacht war, ist das hier viel schwieriger, Kulturelles natürlich zu integrieren. Deshalb ist Marseille für mich eine Musterstadt in Europa: Sie haben zwar viele Probleme und einen schlechten Ruf, aber kulturell gelingt es ihnen, dass sie ein Volk auf einem Gebiet sind.

Dass in der Schweiz keine Ghettoisierung geschieht, ist ja aber auch immer ein Argument gegen zu viel kulturelle Integration. Auf der anderen Seite ist die Schweiz, seit es sie gibt, ein Einwanderungsland. Findest du, dass die Schweiz diesbezügliche ein falsches Selbstbild hat, das sie diesen Aspekt nicht integriert?
Es stimmt, dass die Schweiz ein Einwanderungsland ist, aber sie hat immer auch einen Kampf gegen aussen geführt, gegen Habsburg, gegen Preussen, im 1. Und 2. Weltkrieg, und jetzt gegen die EU. Dass ist euch ein Grund, weshalb uns viele Deutsche sprachlich so schlecht verstehen, weil wir uns immer, und so auch sprachlich, abgegrenzt haben. Wir waren immer umgeben von Monarchen, die unsere Ideologie nicht geteilt haben, sicherlich oft jedenfalls. Was in der Schweiz immer wieder zu einem Identitätsproblem führt, ist, dass wir zwar keine Ghettoisierung haben, aber wir haben den Hauptaspekt, der dazu führt, auch nicht, wir haben keine wirklichen Metropolen. Klar, wir haben Genf und Zürich, aber wir haben nicht ein Berlin, kein Paris, wo alle hinwollen weil sie denken, dass es dort Chancen gibt. Hier kannst du in Bern oder in Zürich oder in Luzern studieren und es ist eigentlich überall schön. Und hier ist die Stadt-Land-Abgrenzung auch sehr stark. In der Stadt Bern fragen wir uns nach Wahlen immer, was ist eigentlich mit unserer Stadt los: Wo sind diese Leute, die das Gegenteil wählen? Dabei vergessen wir, dass auf dem Land auch viele Leute sind, die auch wählen gehen. Das ist meiner Meinung nach auch der Grund, weshalb eine gewisse politische Partei einen solchen Erfolg hat, die nehmen am ländlichen Leben teil, während sich eine SP nicht getraut, einen Marktstand am Schwingerfest aufzustellen. Deshalb haben sie dort auch keinen Erfolg: Die Menschen währen erst einmal, was sie kennen. Wenn du ihnen einen Cervelat und einen exotische Speise von einem anderen Ort hinhältst, nehmen sie den Cervelat, einfach, weil sie das kennen. Vielleicht finden sie den Cervelat gar nicht so gut, aber sie kennen es und das ist in der Politik genauso.
Ist das richtig wenn ich da heraushöre, dass du dir von einer Politik mehr wünscht, dass man Begegnungen, die die social bubble durchbrechen, sucht?
Ich wünsche mir diesbezüglich vor allem Aufklärung. Easyvote wäre beispielsweise ein super Werkzeug, um Aufklärung zu leisten. In meiner Zeit im Zivildienst haben wir das mit einer Schulklasse gemacht. Ich habe bemerkt, als ich EasyVote-Umfragen bei Jugendlichen durchführte, dass sich Jugendliche, welche aus einem SVP-geprägten Umfeld kommen, mit 50% Übereinstimmung zufrieden geben und sich nicht mit anderen Parteien auseinandersetzen wollen, mit denen sie vielleicht mehr Punkte teilen würden. Viele Leute sind sich nicht bewusst, dass die SVP in sozialen Gerechtigkeitsfragen mitnichten eine starke Partei ist. Die Wähler*Innen denken aber immer noch, dass das eine Partei für das Volk ist. Aber dass von ihren Entscheidungen vielfach Unternehmer profitieren, und das stelle ich jetzt mal so in den Raum, das sehen sie nicht ein. Weil die SVP genau die Sprache des Traditionalismus, „Wir sind die Schweizer“ und Punkt, etwas ganz Einfaches, spricht. Während eine SP eher sagen würde: „Wir brauchen eine gute Sozialversicherung“.
Du hast das Wort „Aufklärung“ benutzt. Ist Aufklärung eine Motivation für deine Poetryslam- oder Raptexte?
Ja, ich würde sehr gerne auch aufklären. Das Problem ist, dass man meistens nur auf die Leute trifft, die schon die gleiche Meinung haben, sicherlich in einer Szene wie der Kleinkunstszene, da bewegt sich eher das politische Spektrum „links“. Ich mag zwar das links-rechts-Schema nicht, ich würde einen Kreis bevorzugen. Weil links und kein EU-Beitritt fordern, auch möglich ist. Zurück zur Frage: Es ist schon mehr ein Instrument für mich selbst, zur Verarbeitung. Das ist der Hauptgrund. Wenn ich dann noch jemanden zum Nachdenken bringe, finde ich das natürlich super.
Und dein Studium der Sozialen Arbeit? Liegt da eine ähnliche Motivation zugrunde?
Ich würde gerne Richtung Soziokultur gehen. Durch meinen multikulturellen Hintergrund bin ich sicherlich prädestiniert dafür, weil ich weiss, dass es nicht nur eine kulturelle Brille gibt, etwas zu betrachten, sondern mehrere. Das ist von Kind an drin. Das liegt mir sicher mehr als in einem Büro zu arbeiten in einer Abteilung, wo ich den Inhalt nicht fühle. Aber diese Arbeit generiert mir auch ein gutes Einkommen, ich mache es nicht, um die Welt zu verändern. Ein Thema, dass mich da sehr interessiert und das wichtig zu thematisieren wäre ist der Umgang mit Alkohol und Drogen in der Jugend. Den finde ich im Moment tendenziell problematisch. Man kommt nur schwer an Prävention heran, man rutscht schnell weiter nach unten, von Bier zur viel Bier, zu Wodka, dann was zum Runterkommen und sie kiffen, dann brauchen sie Härteres. Ich kenn zwei, drei Leute, die Mühe hatten da rauszukommen und nun mit 21 oder 22 Jahren die erste Lehre beginnen. Weil sie mit 15 Jahren die falschen Leute trafen. Ich würde gerne eine paar zufriedene Menschen mehr in die Welt stellen, das wäre ein Ziel der sozialen Arbeit für mich.
Du hast das Wort Integration gebraucht? Was bedeutet das für dich? Integration in die Mehrheitsgesellschaft oder formal: Man hat eine Arbeit, bezahlt Steuern usw.?
In meiner Verwendung meine ich damit: Die Grenze zwischen zwei Kulturen zerschlagen, Brücken schaffen, das geht in beide Richtungen. Wieso gibt es in den Dörfern mit eritreischen Flüchtlingen in Asylunterkünften in den Dorfbeizen nicht einmal Injera? Das wäre für mich Integration in beide Richtungen. Das heisst aber auch, dass sich Migranten und Migrantinnen uns kulturell anpassen, beispielsweise an unsere Meinungsfreiheit oder auch bezüglich der Behandlung von Frauen, obwohl wir da auch nicht die Fortschrittlichsten sind. Oder auch Homosexualität in Flüchtlingsheimen ist momentan etwas sehr Brisantes: Dort ist auch die Toleranz von Migranten und Migrantinnen gefordert. Dann aber auch der Autonomie-Aspekt: Selber Geld verdienen, eine Wohnung finanzieren, wissen, wie man zum Arzt kommt, sich selbst tendenziell gesetzeskonform bewegen. Integration bedeutet ja, alle in Eines einfügen; aber auch ADHS-Kinder müssen irgendwie integriert werden oder lange hospitalisierte Menschen. Integration hat viele Dimensionen.

Integration hat auch mit dem utopischen Begriff eines grossen glücklichen Zusammenarbeitens, was man dann Gesellschaft nennen könnte, zu tun.

Zum Thema Menschenrechte: Du hast die Behandlung von Frauen angesprochen. Wie siehst du da die Schweiz?
Das ist ein zweischneidiges Schwert. Wir waren sehr früh sehr fortschrittlich, was die Menschenrechte betraf, ausser bezüglich des Frauenstimmrechtes. Der frühe Geist der Souveränität ist immer noch zu spüren, auch Punkto Verständnis eines Staates oder Punkto Bildung, die relativ gut ist. Aber wir verpassen momentan einige Bewegungen: Wir sind in keinem Menschenrecht mehr Vorreiter, spricht auch dafür, dass wir vielleicht nicht so grosse Menschenrechtsprobleme haben. Aber wir sind weder bezüglich Rassismus oder Sexismus oder Homophobie oder der LGBTQ-Bewegung vorne dabei. In Israel können homosexuelle Paare heiraten obwohl das offiziell ein orthodox-jüdischer Staat ist. Frauen können sich dort auch künstlich befruchten lassen, was bis zum zweiten Kind von der Krankenkasse bezahlt wird. Adoption hier in der Schweiz, hört man viel, muss ja beispielsweise die Hölle sein. Auch die Homo-Ehe wäre für mich eine Selbstverständlichkeit. Wir habe noch ein Potenzial von früher, aber keine Vorreiterstellung mehr.
Gerne noch zwei Fragen zum Bereich ‚Werte‘. Werte können ja politische Partizipation beeinflussen aber auch zwischenmenschliche Begegnungen. Was sind Werte, die für dich anleitend sind, auch gerade in konflikthaften Begegnungen?

Ich halte mich zuallererst mal daran, dass man mit allen Menschen vernünftig sprechen oder allgemeiner, kommunizieren kann, auch körpersprachlich.

Ich versuche auch, Menschen wie sie sind zu akzeptieren, aber erwarte das auch von ihnen. Dann gibt es auch Bereiche, wo ich aktiv bin, nachfrage, auf etwas aufmerksam mache. Beispielsweise im Ausgang, wenn Kollegen sexistische Kommentare von sich geben. Oft ist das einfach eine Floskel, gar nicht überlegt. Aber auch bei Frauen, wenn ein Verdammungsurteil gegen Männer kommt oder es heisst, Männer sollen den ersten Schritt machen, dann frage ich auch einfach „wieso?“. Und kulturell bedingt: Ich nehme mir das Recht heraus, mal unpünktlich zu sein, das ist sehr unschweizerisch. Ich nehme mir auch immer genug Zeit für mich selbst. Im Brasilianischen gibt es das Sprichwort: „Stress ist ungesund“. Es gibt auch die Tradition, dass man in Salvador do Bahia steile Strassen im Zickzack hochläuft. Man braucht länger, aber es ist weniger anstrengend. Solche Dinge übernehme ich gerne. Ich funktioniere weltoffen. Aber ich lasse mich auch gerne belehren: Erst kürzlich habe ich erfahren, was Pansexualität ist, ich dachte, dass Bisexualität ausreichend sei, aber scheinbar nicht. Das kann ich dann gut übernehmen.
Zusammengefasst: Offenheit, die Bereitschaft zu lernen und die Reflexion meiner Ideale auf die anderen um zu schauen, wo man sich trifft und dann verstehen, wo man auseinandergeht.
Und wo liegen deine Grenzen?
Grenzen liegen für mich beispielsweise dort, wo Menschen aus Toleranzgründen ausgeschlossen werden. Als Beispiel: Es gibt linksautonom organisierte Demos, wo eingeschränkt wird. An einer LGBTQ-Demo stand auf dem Flyer: „Keine CIS-Männer“ und darunter „Ausser jene, die sich mit der Bewegung identifizieren können“. Da denke ich zuerst: „Wieso sollten sich Männer mit dieser Bewegung weniger identifizieren können als Frauen?!“ und „Wieso sind CIS-Frauen nicht ausgeschlossen?“. Dabei stellt sich mir vor allem die Frage: Wieso jemanden ausschliessen und gleichzeitig Toleranz fordern? Womit ich auch Mühe habe ist der Gegen-Rassismus: „Sprich mit mir nicht so, du bist weiss!“.

Was sind im grossen Ganzen Werte, die du dir für die Schweiz wünschst?
Ich würde mir für die Schweiz wünschen, dass sie sich ihrer Multikulturalität bewusst wird, aber nicht boss derjenigen, die von aussen kommt, sondern auch der Inländischen. Dass sich ein Deutschschweizer also wirklich bewusst wird, dass hier vier Sprachen gesprochen werden, auch wenn das Rätoromanische vielleicht nicht unbedingt gelernt werden muss. Aber meiner Meinung nach sind zu viele Deutschschweizer einsprachig und geben sich auch keine Mühe, die andere Sprache zu sprechen. Man spricht lieber englisch mit einem Frankophonen, das kann ich nicht verstehen. Dass man sich als Eines versteht, aber auch als ein Teil von Europa und als Teil der Welt. Dass man merkt: Waffenexport in friedliche Länder, die aber Nachbarsländer von Kriegsgebieten sind, ist nicht angebracht. Oder auch: Es gibt Firmen mit Hauptsitz in der Schweiz, die Wasser auf dem afrikanischen oder amerikanischen Kontinent abzapfen. Da zu sagen, dass in der Schweiz überall Trinkwasser existiert und dass das überall Standard werden sollte, wäre nur konsequent. Und dass man sich den Ressourcen der Mehrsprachigkeit und ihres Potenzials bewusst wird. Da können wir Stolz sein, dass es vieles auf kleinem Raum gibt, dass wir keine Ghettos haben und dass wir – Import und Export ausgeklammert – eine sehr fortschrittliche Energiepolitik, viel Wasserkraft betreiben. Da sollte jede Schweizerinnen und jeder Schweizer stolz darauf sein.

Haben Sie Anmerkungen oder Fragen zu diesem Beitrag?

Schreiben Sie uns.
FacebookTwitterKontaktformular