Vor dem Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) wartet eine lange Menschenschlange auf den Einritt. Idomeneo, eine Oper Mozarts, aufgeführt von einer Kombination aus Geflüchteten und professionellen Künstler_innen, zieht sie in die moderne Eventhalle. Nicht die Hauptaufführung, die einige Tage später stattfindet, sondern eine einführende Vorstellung des Integrationsprojektes. Beide Veranstaltungen finden im Rahmen des diesjährigen „Lucerne Festivals“ statt.

Im Innern des Gebäudes heisst es nochmals anstehen, was im gediegenen Ambiente allerdings nicht unangenehm ist. Neben der Schlange befindet sich die VIP-Lounge. Die Atmosphäre scheint mit den Medienbildern zur Flüchtlingskrise, im Unterschied zum Thema der erwarteten Darbietung, nicht die entfernteste Gemeinsamkeit zu haben. Der grosse „Luzerner Saal“ füllt sich. Auffällig hoch ist der Anteil an weisshaarigem Publikum, dazwischen einige verstreute Jugendliche und junge Erwachsene. Ein Flüchtling beginnt, von einem Scheinwerfer beleuchtet, mit stimmungsvollem Gitarrenspiel.
Eine junge Frau und zwei Männer treten zu ihm, die Veranstaltung beginnt. Der Moderator befragt die Frau zum Projekt, sie ist dessen Initiantin, Cornelia Lanz. Mittels Interview und Film wird das künstlerische Integrationsvorhaben vorgestellt und als Zuschauer kann man nur anerkennend feststellen, dass hier Grossartiges für die Integration der mitspielenden Geflüchteten geleistet wird. Ein Bühnenbild wird vorgestellt (siehe Bild). Der Tisch auf der Bühne soll ein Boot symbolisieren, darüber gespiegelt das Angst einflössende Meer.

Die Macher_innen wählten „Idomeneo“ bewusst als Story, weil sie, wie die geschilderte Boot-Meer-Szenerie, so manche Parallele zur Geschichte der Menschen auf der Flucht unserer Zeit beinhaltet.

Idomeneo, die Hauptfigur der Oper, kann ein schreckliches Unwetter auf See nur mit einem schicksalshaften Schwur überleben. Dieser wird dazu führen, dass er seinen Sohn töten muss. Um die Schilderung der Handlung in äusserst groben Zügen zu komplettieren: Der genannte Unglücksschwur wird verwoben mit vertrackten Liebesbeziehungen, in die Idomeneos Sohn tief verwickelt ist.
Von allen Akteur_innen dieser Oper kann man nur den Hut ziehen, seien es die zu Schauspieler_innen gewordenen Geflüchteten oder die im Hintergrund agierenden Menschen, in erster Linie allem aber vor Cornelia Lanz. Sie investierte enormen Aufwand in ihr Herzensprojekt und macht damit vor, was aussergewöhnliches zivilgesellschaftliches Engagement sein und bewirken kann. Die einzige kritische Anfrage an ihr Projekt könnte vielleicht sein, wieso mit Mozart ein ureuropäisches Kulturgut aufgeführt wird und nicht ein solches aus den Herkunftsländern der Geflüchteten. Immerhin können diese auch inhaltlich einiges, sogar biografisches, zur Handlung beitragen. Nachdenklich machte mich im Konzertsaal aber vor allem, ob hier nicht die Migrationsthematik allzu vereinfacht erscheinen könnte: Ich habe doch zur Lösung der Flüchtlingskrise zugegebenermassen wenig beigetragen, wenn ich mir eine Integrations-Oper an einem luxuriösen Event anschaue und danach zufrieden nach Hause gehe. Dies soll keineswegs ein Vorwurf an den deutschen Verein „Zuflucht Kultur“ sein, der hinter dem Projekt steht. Aber die wirklich schwierigen Fragen in der Flüchtlingskrise sind bekanntlich komplizierter.

Wie integrieren wir alle anderen Geflüchteten, die nicht in einer Oper mitmachen können oder wollen? Was wird aus Geflüchteten, die mit Waffengewalt oder an Zäunen in fremden Ländern gestoppt wurden und ihren Weg ins gewünschte Zielland nicht fortsetzen können? Und grundsätzlich: Wer soll als legitim flüchtende Person gelten, wer ist so genannt „illegal“? Dies sind die harten Fragen, die weder von mitreissender Gitarrenmusik noch von Operngesang übertönt werden können.

Um sie werden wir nicht herumkommen. „Idomeneo“ ist eine tolle Sache, aber nur eine winzige Teillösung für die traurigen Realitäten im Migrationsbereich. Oder anders gesagt: Ein wertvoller Schritt auf einem sehr langen Weg.

Die Veranstaltung neigt sich dem Ende zu. Das Publikum wird aufgefordert, bei einem arabischen Liebeslied, dessen Titel „Habibi“ (deutsch: Schatz) lautet, mitzusingen. Tatsächlich stehen alle auf und singen, so gut es geht. Überall wo man auf der Tribüne hinschaut, sieht man glückliche, lächelnde Gesichter. Gerade auch bei den vielen älteren Menschen. Für einen Moment gelingt es, die Geflüchteten vorne im Saal und die mutmasslich eher wohlhabenden Zuschauer_innen zu einem echten „wir“ zu vereinen. So kann wirklich echte Integration der Menschen aller Herkünfte in eine solidarische Gruppe aussehen!

Die Zuschauer_innen strömen kurz danach wieder ins Freie. Die „Unterwalden“ dampft auf dem Vierwaldstättersee vor dem KKL vorbei. Die Kulturinteressierten machen sich auf in Richtung des Bahnhofs oder anderer Ziele. Für die am Boden sitzenden mutmasslichen Asylant_innen scheinen sie sich nicht besonders zu interessieren. Ist also nach der ansprechenden Darbietung der „Idomeneo“-Macher_innen alles wieder beim Alten? Man kann nur hoffen, dass das eine oder andere Herz berührt wurde und sich der dazugehörige Mensch vom grossartigen Engagement, dass für die Oper betrieben wurde, inspirieren lässt.

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