ChanceDialog: „Mein Kompass ist die Liebe“

Unser erster Artikel zum Themendossier „Chance Dialog 2017“ führt mich einen Schritt zurück, zurück nach Zürich und einem bekannten Gesicht. Ich treffe die Choreografin und Tänzerin Mirjam Sutter, welche mit ihrer Performance „entre deux“ die Ausstellung unseres Projektes Chance Dialog 2016 bespielte und das Publikum begeisterte. Über ihre eigene Spurensuche will ich dieses Jahr mit ihr in den Dialog treten.

Als wir uns kennenlernten, sprachen wir nicht zusammen, ich sah sie zuerst auf der Bühne, sie kommunizierte und erzählte Geschichten durch ihre Bewegungen. Ganz ohne Worte. Als wir uns zum ersten Mal unterhielten, hatte sie sich dadurch bereits ein Stück vorgestellt, durch die Sprache ihrer Kunst. Zum Dialog braucht es nicht immer das Wort.

Als unsere Abendveranstaltung 2016 mit dem Stück „entre deux“ von Mirjam und ihren Tänzerinnen begann, war ich glücklich. Es fanden eine Begegnung und ein Dialog statt. Genauso, wie wir es mit dem Projekt Chance Dialog beabsichtigen. Nach ihrem Auftritt konnte ich mit den Künstler*Innen über das Projekt selbst und Weltethos sprechen.  Für Mirjam, die in Zürich lebt, ist Kreativität die Sprache, um sich auszudrücken. Sie tritt dabei mit ihrem Publikum, aber immer auch mit sich selbst, in einen Dialog, begegnet sich selbst und anderen.

Als junge Frau folgte sie den Spuren des Tanzes nach Italien. Dies aber erst, nachdem sie sich lange anhören musste, dass man besser etwas Rechtes lernen sollte. Sich absichern muss. Beruflich fing sie dann mit 19 Jahren an zu tanzen, davor war es ihre Leidenschaft und ihr Hobby. Doch sie folgte schon damals ihrem Kompass.

Sie migrierte, liess Bekanntes und Sicherheiten zurück um das Unbekannte und Freiheit zu finden. Sie lebte mehrere Jahre in Genua, einer Arbeiter- und rauen Hafenstadt Italiens. Eine Stadt, welche ihre Schönheit erst mit der Zeit offenbart. Am Anfang hatte Mirjam grosses Heimweh, fand dort kein Zuhause. Sie fand es aber bald im Tanz. Sie entdeckte auch den Reichtum an Kultur, Menschen, ein Land voller Widersprüche und Möglichkeiten und eine erblühende Kreativität in sich selbst.

Glaube ist das, woran DU glaubst, aber es ist wie mit dem Tanz: Man muss sich im Glauben üben und der grösste Feind ist der Zweifel.

Nach drei Jahren sah sie für ihre Kunst in Italien keine Möglichkeit mehr. Menschlich fühlte sie sich wohl, aber wirtschaftlich schien keine Zukunft möglich. Nicht in Genua. So führte sie der Weg weiter nach Paris. In die Stadt der Liebe, für Mirjam aber auch des Leides. Sie musste von Null beginnen, fand dazu nach dem schmerzlichen Abschied in Italien keine Kraft. Sie kehrte nach einiger Zeit wieder in die Schweiz zurück. Ihren Koffer hatte sie in Paris gelassen, liess sich dann trotzdem in der Schweiz nieder.

Sie fühlte sich von allem gebremst und musste erneut von vorne beginnen, bescheiden sein und doch die Motivation und das Selbstbewusstsein finden, um weiterhin an ihren Traum zu glauben. Sie dachte gar daran, das Tanzen aufzugeben. Doch war es der Tanz,  der sie gelernt hatte, nie aufzugeben und immer weiter an sich zu arbeiten. So folgte sie einmal mehr ihrem Kompass und fällte erneut den Entscheid, Tänzerin zu sein.

Mirjams Kompass, sei es im Beruf oder privat, ist die Liebe. Sie bedauert es, dass man heutzutage belächelt wird, wenn man von Liebe spricht.

Es sei bedenklich, dass niemand genau definieren will, was es denn nun ist, dieses Gefühl, dieser Motor. Die Liebe ist gänzlich unverbindlich, endlich und nichtssagend geworden. Begegnungen ohne Liebe sind aber für Mirjam keine Begegnungen. Viele unter uns müssten noch lernen, Bescheidenheit zu leben, zu sich selbst zu stehen und ihren Weg unerschrocken zu gehen.

Tanz ist unerschöpflich, unendlich, wie die Liebe, egal ob auf sich selbst bezogen, auf alle anderen oder die Gesellschaft insgesamt.

Die Tänzerin wünscht sich von der Gesellschaft genaues Hinschauen aber auch das Überwinden von Grenzen. Immer noch tief berührt, erzählt sie vom Moment, als sie in Israel vor der Mauer stand. Heute eine von vielen weltweit. Ich kann gut nachvollziehen, was Mirjam von ihrem Besuch in Palästina und Israel berichtet, denn auch ich stand bereits sprachlos und entsetzt vor eben dieser Mauer. Entsetzt wie sie darüber, dass es heutzutage mehr Mauern und Grenzzäune gibt denn je. Doch Mirjam liess sich keineswegs davon einschüchtern, baute Brücken durch ihr Engagement für ein Tanzprojekt vor Ort. Mirjam sagt, dass sich in Israel-Palästina alles emotional einpendeln müsse und sie nach ihren Reisen immer wieder tief beeindruckt sei.

Mirjam suchte lange nach ihrem Zuhause in der weiten Welt aber auch in sich selbst. Dieses Gefühl, dieses Zuhause, fand sie schliesslich durch stetigen Dialog mit dem Fremden. Und im Tanz, in ihrer Kreativität und der Kunst.

Diese Reisen haben ihr gezeigt, wie schnell sich der Mensch an Missstände gewöhnt, sich damit abfindet und selbst Mauern als legitim erachtet. Ihre Spurensuche wurde von ihrer Neugierde geleitet, sie wollte alles ausprobieren. Erst 2010/11 ging sie erneut nach Palästina. Es war Ramadan und nichts los. Mirjam nutzte die Zeit, um den Nationaltanz zu lernen, sie kam in Kontakt mit den Menschen, diese sahen ihr Wesen und Talent und luden sie ein, mit ihnen zu arbeiten, in Dialog zu treten. Sie leitete einen Workshop, wurde dann von einer Tanzschule eingeladen und arbeitete im Al-Hara Theater, in der Nähe von Bethlehem aber auch in Ramallah für die El-Funoun Dance Company und für Theatre Day Productions in Gaza Stadt.

Sie sah, dass nur durch diese Menschen und ihren Glauben an die Hoffnung dieses fragile Gleichgewicht erhalten werden kann. Mirjam war beeindruckt von der Integrität und dem Glauben dieser Menschen an die Kunst, die Mauern niederreissen und befreien kann. Sie erlebte, dass Dialog möglich ist. Selbst in den Gebieten mit grösstem Wiederstand und trotz aller Zweifel. Doch lernte sie auch das Lügen. Im Moment der grössten Verzweiflung wurde sie gefragt, ob es denn noch Hoffnung gebe im israelisch-palästinensischen Konflikt? Sie lernte zu lügen, um ihren Freund*Innen die Hoffnung nicht zu nehmen. Denn sie hatte Hoffnung, in die Kunst, die Freiheit, die man durch sie erfahren kann, Erfahrungen, auf die man sich in dunklen Stunden stützen kann.

Kunst ist praktizierte Friedensarbeit.

In einem leeren Tanzraum ist es wie im Leben selbst, meint meine Gesprächspartnerin. Am Anfang ist alles leer, man muss auf die eignen Ressourcen zurückgreifen, sich den Möglichkeiten ausliefern und kreativ werden in der Suche nach Lösungen und der Beantwortung von Fragen.

Nach diesem Gespräch bin ich überzeugt, dass, wenn wir alle etwas mehr nach dem Kompass Liebe leben würden, die Welt ein kleines (oder gar grosses) Stück besser wäre. Und dass ohne Worte Grenzen überwunden werden können. Dialog hat viele Gesichter. Mirjam ist eines davon.

Was mir an Mirjam in Erinnerung bleiben wird, ist, dass sie einer der seltenen Menschen ist, die wirklich auch Gutes tun, den Dialog leben und nicht nur darüber sprechen. Sich eine Meinung zu bilden reicht nicht, man muss sie auch kommunizieren. Wie das Beispiel von Mirjam zeigt, bedarf es dazu aber nicht immer Worte.

Mehr zu Mirjam Sutter:

https://www.acces-a-la-danse.com/

Zum Stück „Entre Deux“:

https://www.acces-a-la-danse.com/entre-deux)

Workshops im Ausland:

https://www.acces-a-la-danse.com/gallery-teaching-classes-and-workshops

 

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